Die Versorgung mit Generika ist kein einfacher Transport von Pillen von A nach B. Es ist ein komplexes, dünn bespanntes Netzwerk, das bei jedem kleinen Ruck zusammenbrechen kann. Während Patienten erwarten, dass Medikamente immer verfügbar sind, arbeiten Distributoren mit Margen von durchschnittlich 8 % - und oft weniger. Diese winzigen Gewinne müssen nicht nur die Herstellung, sondern auch die komplette Lieferkette abdecken: von der Rohstoffbeschaffung über die Produktion bis zur Auslieferung in Apotheken. Und hier liegt das Problem: Effizienz ist nicht mehr nur ein Wettbewerbsvorteil - sie ist Überlebensfrage.
Der Affront der Billigpreise
Generika sind billig. Das ist gut für Patienten, schlecht für die Wirtschaft. Der Preisdruck ist so stark, dass Hersteller und Distributoren kaum noch Spielraum haben. Wenn ein Medikament 10 Cent kostet, kann man nicht einfach 20 Cent für Lagerung und Transport ausgeben. Deshalb wird überall gespart: weniger Personal, weniger Lagerplätze, weniger Reserve. Doch diese Kosteneinsparungen haben einen Preis: 73 % höhere Ausfallraten bei Generika im Vergleich zu teureren Markenmedikamenten. Warum? Weil 80 % der Wirkstoffe (API) nur in drei Ländern produziert werden - meist in Indien, China und der Türkei. Ein Sturm in einem Hafen, ein Lockdown in einer Fabrik, eine Zollblockade - und schon fehlt ein Medikament, das Tausende täglich brauchen.Was macht eine effiziente Lieferkette aus?
Effizienz in der Generika-Verteilung bedeutet nicht, alles so billig wie möglich zu machen. Es bedeutet, das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu haben - und das mit minimalen Kosten. Dafür braucht man mehr als gute Absichten. Man braucht Daten, Technologie und klare Prozesse.- Die EOQ-Formel - Economic Order Quantity - ist kein theoretisches Konzept, sondern ein Werkzeug, das viele Top-Distributoren nutzen: Q = √(2KD/G). Sie berechnet die optimale Bestellmenge, die Lagerkosten und Bestellkosten ausbalanciert. Unternehmen, die das konsequent anwenden, reduzieren Ausfälle um 30-45 %.
- IoT-Sensoren überwachen Temperatur und Luftfeuchtigkeit während des Transports. Knapp 45 % aller Generika sind temperaturempfindlich. Ein Kühllaster, der 24 Stunden lang zu warm war, kann eine ganze Charge ruinieren - und das kostet nicht nur Geld, sondern auch Vertrauen.
- Cloud-basierte ERP-Systeme geben allen Beteiligten Echtzeit-Einblick: vom Hersteller über den Logistiker bis zur Apotheke. Cardinal Health hat nach der Einführung eines solchen Systems ihre Lagerumschlagshäufigkeit um 30 % gesteigert.
- Künstliche Intelligenz prognostiziert Nachfrage nicht mehr anhand alter Verkaufszahlen, sondern analysiert Krankenhausaufnahmen, Rezeptmuster, saisonale Trends und sogar Wetterdaten. McKinsey berichtet, dass AI-basierte Systeme Prognosefehler um 25-40 % reduzieren.
Just-in-Time vs. Just-in-Case
Hier ist der große Konflikt: Soll man alles nur genau dann liefern, wenn es gebraucht wird (Just-in-Time), oder lieber etwas mehr auf Lager haben (Just-in-Case)?Die meisten Distributoren versuchen, JIT zu nutzen - weil es Lagerkosten um 22-35 % senkt. Aber das ist ein riskantes Spiel. Wenn ein Lieferant ausfällt, ist die Apotheke leer. Eine Studie von Infomineo zeigte: Unternehmen, die auf JIT setzen, haben 15-20 % mehr Ausfälle. Umgekehrt: Wer 15-20 % mehr Lagerbestand hält, reduziert Ausfälle um 40-60 %. Doch das kostet mehr Geld - und bei 8 % Gewinnspanne ist das ein schwerer Abwägungsprozess.
Die Lösung? Keine extreme Wahl. Die besten Distributoren kombinieren beides: Für häufig gebrauchte, kritische Medikamente (wie Insulin, Blutdruckmittel, Antibiotika) halten sie einen Sicherheitsvorrat von mindestens 15 %. Für seltene, weniger kritische Produkte setzen sie auf JIT. So wird das Risiko gezielt gesteuert - nicht durch Zufall.
Die Technologie-Lücke
Große Distributoren wie McKesson, AmerisourceBergen und Cardinal Health haben Milliarden in moderne Systeme investiert. McKesson hat 2023 ein eigenes KI-Tool namens „DemandSignal“ gestartet - und damit die Prognosegenauigkeit um 37 % verbessert. Doch was ist mit den kleineren Anbietern? Sie haben nicht das Budget für 2,5 Millionen Dollar Blockchain-Systeme oder 200 Stunden Schulung für ein ERP-Tool.Das Ergebnis? Eine Kluft, die sich immer weiter öffnet. Top-Distributoren erreichen 9,2 % EBITA-Marge, die hinterherhinkenden nur 6,8 %. Diejenigen, die nicht investieren, verlieren Marktanteile - 3-5 % pro Jahr. Und das ist nur der Anfang. Die FDA und die EU fordern ab 2023 volle elektronische Rückverfolgbarkeit. Das erhöht die Kosten für alle - aber nur wer digitale Systeme hat, kann das effizient umsetzen.
Die menschliche Seite: Prozesse und Widerstand
Technologie allein reicht nicht. Viele Probleme liegen in den Abläufen. Ein Manager von McKesson beschrieb auf Reddit, wie 7 Genehmigungsebenen eine Lieferveränderung um 14 Tage verzögern. Das führt dazu, dass Unternehmen teure Expresslieferungen nutzen - was die Kosten wieder nach oben treibt.Es gibt keine Software, die diesen bürokratischen Ballast abbaut. Das muss man organisatorisch angehen. Die erfolgreichsten Unternehmen haben flache Hierarchien, cross-funktionale Teams und klare Entscheidungsbefugnisse. Wer in der Logistik noch einen „Zustimmungsantrag“ braucht, um einen neuen Transporter zu buchen, ist verloren.
Was passiert, wenn man nichts tut?
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Die globale Generika-Marktgröße wächst - aber die Gewinne schrumpfen. 2018 lag die durchschnittliche Marge bei 12,5 %. 2022 war sie auf 8 % gefallen. Wenn sich nichts ändert, wird sie 2025 bei 6 % liegen. Und dann brechen die kleinen Anbieter zusammen. Die großen werden noch größer. Es wird weniger Wettbewerb geben. Und das bedeutet: weniger Auswahl, höhere Preise, mehr Ausfälle.Diejenigen, die jetzt nicht investieren, werden in 2-3 Jahren nicht mehr existieren. Diejenigen, die jetzt anfangen, werden die neuen Marktführer sein.
Was kann man tun?
Es gibt keine Wunderlösung. Aber es gibt klare Schritte:- Starte mit der Nachfrageprognose. Verwende historische Daten, aber ergänze sie mit echten Markt- und Patientendaten. KI-Tools brauchen keine perfekten Daten - sie brauchen genug, um Muster zu erkennen.
- Identifiziere kritische Produkte. Welche Medikamente sind lebenswichtig? Welche haben nur einen einzigen Hersteller? Für diese Produkte brauchst du Sicherheitslager - nicht für alles.
- Verbinde deine Systeme. Wenn dein ERP, dein Lagermanagement und dein Transportdienst nicht miteinander sprechen, verlierst du Daten - und damit Kontrolle.
- Verlange Transparenz von Lieferanten. Frag nach Produktionsstandorten, Kapazitätsreserven, Backup-Plänen. Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu fürchten.
- Investiere in Menschen. Keine Software ersetzt einen gut trainierten Logistiker, der weiß, was los ist. Schulung und Befugnisse sind genauso wichtig wie Technologie.
Die Zukunft der Generika-Versorgung gehört nicht dem billigsten Anbieter. Sie gehört dem effizientesten. Wer jetzt handelt, sichert nicht nur seinen Gewinn - er sichert den Zugang zu lebenswichtigen Medikamenten für Tausende.
Warum sind Generika so anfällig für Lieferengpässe?
Generika haben extrem niedrige Gewinnmargen - oft unter 10 %. Deshalb werden überall Kosten gespart: weniger Lager, weniger Backup-Produktionsstätten, weniger Personal. Gleichzeitig sind 80 % der Wirkstoffe nur in drei Ländern produziert. Ein Problem dort - etwa ein Transportstopp oder eine Produktionsstörung - führt sofort zu weltweiten Lieferengpässen. Zudem gibt es oft nur einen einzigen Hersteller für ein Medikament - kein Ersatz, kein Spielraum.
Kann man mit traditionellen Methoden wie Excel noch effizient arbeiten?
Für kleine, einfache Lieferketten vielleicht. Aber nicht für Generika. Die Nachfrage ist zu variabel, die Produkte zu viele, die Lieferanten zu komplex. Excel kann keine Echtzeit-Daten aus IoT-Sensoren verarbeiten, keine KI-Prognosen berechnen und keine Lieferkettenrisiken simulieren. Unternehmen, die noch auf Excel setzen, haben durchschnittlich 35 % mehr Ausfälle und 25 % höhere Lagerkosten als solche mit modernen Systemen.
Wie wichtig ist die Lagerhaltung bei Generika?
Sie ist entscheidend - aber nicht für alle Produkte. Die besten Distributoren halten nur für kritische Medikamente einen Sicherheitsvorrat von 15 % oder mehr. Für weniger wichtige Produkte setzen sie auf Just-in-Time. Wer alles auf Lager hält, verschwendet Geld. Wer nichts hält, riskiert Patienten. Der Schlüssel ist gezieltes, risikobasiertes Lagermanagement - nicht blindes Sparen.
Welche Technologien haben den größten Einfluss auf die Effizienz?
Drei: Künstliche Intelligenz zur Nachfrageprognose, IoT-Sensoren zur Überwachung von Transportbedingungen und cloudbasierte ERP-Systeme für Echtzeit-Daten. KI reduziert Prognosefehler um 25-40 %, IoT verhindert Schäden an temperatur-empfindlichen Produkten, und ERP-Systeme schaffen Transparenz über die gesamte Kette. Zusammen senken sie Lagerkosten um 22-35 % und Ausfälle um bis zu 50 %.
Wie lange dauert es, eine effiziente Lieferkette aufzubauen?
Mindestens 12-18 Monate. Teva brauchte 14 Monate und 28 Millionen Dollar, um ihre Lagerkosten um 32 % zu senken. Es ist kein Projekt, das man in einem Quartal abschließt. Der Prozess beginnt mit der Verbesserung der Nachfrageprognose, dann folgt die Integration von Systemen, danach die Schulung von Mitarbeitern und erst zuletzt die Optimierung des gesamten Netzwerks. Wer schneller will, baut auf Instabilität.