Biosimilare: Patientenbedenken verstehen und Ängste abbauen

Biosimilare: Patientenbedenken verstehen und Ängste abbauen
Gesundheit & Medizin Torben Wehrle 1 Feb 2026 1 Kommentare

Warum zögern Patienten bei Biosimilaren?

Ein Patient mit Rheuma bekommt eine neue Rezeptur. Statt Humira steht jetzt ein Biosimilar auf dem Zettel. Er fragt: „Ist das dasselbe?“ Und wenn er es nicht versteht, zögert er. Oder weigert sich sogar. Das ist keine Seltenheit. Obwohl Biosimilare seit 2015 in den USA zugelassen sind und mittlerweile 74 Produkte auf der Liste der FDA stehen, nutzen weniger als 10 % der Patienten sie - trotz massiver Kosteneinsparungen für das Gesundheitssystem. Warum? Weil viele Patienten nicht verstehen, was Biosimilare wirklich sind.

Im Gegensatz zu Generika, die chemisch identisch mit ihrem Vorbild sind, sind Biosimilare biologische Produkte. Sie werden aus lebenden Zellen hergestellt - oft aus gentechnisch veränderten Hamster- oder Hefezellen. Das macht sie komplex. Ihr Molekül ist riesig, fein strukturiert und empfindlich. Selbst kleinste Unterschiede in der Herstellung können zu leichten Variationen führen. Aber das bedeutet nicht, dass sie schlechter sind. Die FDA verlangt: Kein klinisch bedeutender Unterschied in Sicherheit, Reinheit oder Wirksamkeit. Das ist kein „ähnlich“, sondern ein „nicht klinisch messbar anders“.

Doch das Wort „ähnlich“ bleibt hängen. Und das macht Angst.

Biosimilare vs. Generika: Der entscheidende Unterschied

Viele Patienten denken: Biosimilare sind einfach „Generika für teure Spritzen“. Das ist falsch. Ein Generikum wie Ibuprofen ist eine einfache chemische Verbindung. Du kannst es in einem Labor nachbauen - exakt gleich wie das Original. Ein Biosimilar ist wie ein komplexes Kunstwerk aus Proteinen. Es entsteht nicht in einer Flasche, sondern in einer Zelle. Und jede Zelle produziert es etwas anders. Deshalb braucht man für ein Biosimilar nicht drei Jahre und zwei Millionen Dollar, sondern acht bis zehn Jahre und 100 bis 250 Millionen Dollar - so viel wie für ein neues Medikament.

Das ist der Grund, warum Biosimilare nicht einfach billiger werden, nur weil sie nachgeahmt werden. Die Herstellung ist teuer. Und trotzdem: Sie sparen 35 % gegenüber dem Originalprodukt - wenn sie richtig abgerechnet werden. Aber hier liegt das Problem: Die Einsparungen bleiben oft bei den Krankenkassen oder Apotheken. Der Patient zahlt immer noch das Gleiche. Eine Studie zeigte: Nach Einführung von Biosimilaren für Infliximab blieben die Selbstbeteiligungen der Patienten unverändert. Das macht misstrauisch. Wenn ich als Patient nicht sparen kann, warum soll ich dann wechseln?

Was sagen Patienten wirklich?

Im Jahr 2025 hat das Evernorth Research Institute 1.200 Patienten mit chronischen Erkrankungen befragt. Nur 31 % wussten, was Biosimilare sind. Bei Ärzten waren es 64 %. Das ist kein Widerspruch - das ist eine Kluft. Und diese Kluft führt zu Fehlentscheidungen.

Ein Reddit-User namens „ChronicPainPatient87“ schrieb: „Mein Arzt hat mich ohne Erläuterung auf ein Biosimilar umgestellt. Ich hatte eine Verschlechterung. Jetzt traue ich mich nicht mehr, irgendetwas zu wechseln.“

Das ist kein Einzelfall. 79 % der Patienten fürchten, dass Biosimilare weniger wirksam sind. 63 % befürchten neue oder andere Nebenwirkungen. Und das ist verständlich. Wenn du seit Jahren mit einem Biologikum stabil bist - warum riskierst du es? Du bist nicht nur krank. Du bist verletzlich. Und du vertraust deinem Medikament. Es ist dein Schutzschild.

Und dann kommt noch etwas: Der Nocebo-Effekt. Wenn du glaubst, ein neues Medikament könnte schlechter sein, dann spürst du auch mehr Nebenwirkungen - selbst wenn es genauso wirkt wie das alte. Das ist Psychologie. Aber sie ist real. Und sie verhindert die Adoption von Biosimilaren.

Arzt und Patientin sitzen zusammen im Sprechzimmer, zeigen gemeinsam eine einfache Wirksamkeitsgrafik.

Warum Ärzte zögern - und wie sie helfen können

Es ist nicht nur der Patient. Auch viele Ärzte sind unsicher. 68 bis 88 % von ihnen verstehen die Grundlagen von Biosimilaren - das klingt gut. Aber nur die Hälfte der Patienten weiß, dass Biosimilare genauso sicher sind. Warum? Weil Ärzte sie nicht erklären. Sie haben Angst, dass der Patient misstrauisch wird. Sie wissen nicht, wie sie es sagen sollen. Oder sie denken: „Wenn es nicht anders ist, warum lange reden?“

Doch das ist der falsche Ansatz. Wenn du einem Patienten nur sagst: „Das ist ein Biosimilar.“ - ohne Erklärung - dann klingt das wie eine Abkürzung. Wie ein billiger Ersatz. Aber es ist kein Ersatz. Es ist ein gleichwertiges Medikament. Und das muss man sagen.

Die beste Methode: Gemeinsam entscheiden. Nicht „Ich wechsle dich jetzt“, sondern „Wir haben zwei Optionen. Beide sind sicher. Einer ist teurer, einer ist günstiger. Beide haben dieselben Ergebnisse in Studien mit Tausenden von Patienten.“ Dann zeigst du die Daten. Nicht abstrakt. Konkret: „Bei Pegfilgrastim haben Patienten mit Biosimilaren 47-59 % weniger Eigenanteil gezahlt. Und die Wirksamkeit war genauso gut.“

Und wenn du das tust, verändert sich etwas. Eine Studie des Center for Biosimilars zeigte: Patienten, die eine ausführliche Erklärung bekamen, bewerteten Biosimilare deutlich positiver. Die Werte stiegen von 3,8 auf 4,23 auf einer Skala von 1 bis 5. Das ist kein kleiner Sprung. Das ist ein Wendepunkt.

Was passiert, wenn du nicht handelst?

Im April 2024 hat CVS Humira aus seinen Formularen gestrichen. Nur noch Biosimilare wurden erstattet. Das war ein großer Schritt. Die Kosten für Biologika sanken um 2,3 Prozentpunkte. Aber die Patientenzufriedenheit fiel um 15 %. Warum? Weil die Umstellung nicht begleitet wurde. Keine Aufklärung. Keine Unterstützung. Keine Nachsorge. Die Patienten fühlten sich wie ein Kostenfaktor, nicht wie ein Mensch.

Das ist der Fehler, den viele machen. Sie denken: „Wenn wir das billigere Medikament einführen, wird alles besser.“ Aber das ist nur die Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist: Vertrauen.

Ohne Vertrauen bleibt die Adoption bei 10 %. Mit Vertrauen kann sie bis 2027 auf 30-40 % steigen - so prognostiziert Segal Consulting. Und bis 2030 könnte sie über 50 % liegen, wenn wir die richtigen Gespräche führen.

Was du als Patient tun kannst

Wenn du ein Biologikum nimmst und dein Arzt dir ein Biosimilar vorschlägt, frag:

  • „Ist es genauso sicher wie mein aktuelles Medikament?“
  • „Gibt es Studien, die das zeigen?“
  • „Wurde es an genauso vielen Patienten getestet?“
  • „Was passiert, wenn ich Nebenwirkungen habe?“
  • „Kann ich zurück zu meinem alten Medikament wechseln, wenn es nicht passt?“

Du hast das Recht, zu fragen. Und du hast das Recht, Zeit zu brauchen. Du musst nicht sofort wechseln. Aber du solltest wissen, dass du nicht riskierst, wenn du es tust.

Und wenn du dich entscheidest: Bleib dabei. Verfolge deine Symptome. Melde Veränderungen. Lass dich nicht von Angst leiten - sondern von Fakten.

Patienten pflegen Pflanzen in einem Garten, über ihnen blüht ein molekulares Symbol der Sicherheit.

Was Ärzte und Apotheker tun können

Verwende keine Fachbegriffe. Sag nicht „biosimilar“. Sag: „Ein Medikament, das genauso wirkt wie Humira, aber von einer anderen Firma hergestellt wird.“

Zeige Patienten die Daten. Nicht in einer Broschüre. In einem Gespräch. Mit einem einfachen Satz: „In 10 Studien mit über 5.000 Patienten hat sich gezeigt: Kein Unterschied in Wirksamkeit oder Nebenwirkungen.“

Und wenn du wechselst: Begleite es. Rufe nach zwei Wochen an. Frag: „Wie geht es dir? Hast du etwas anderes gespürt?“ Das ist kein zusätzlicher Aufwand. Das ist Vertrauensaufbau.

Einige Kliniken nutzen jetzt „Clinical Trial Educators“ - speziell geschulte Personen, die Patienten erklären, was Biosimilare sind. Die Ergebnisse? Mehr Patienten, die einverstanden sind. Mehr Teilnahme an Studien. Mehr Vertrauen.

Die Zukunft: Was kommt als Nächstes?

Bis 2034 werden 118 Biologika ihre Patentexklusivität verlieren. Das sind Medikamente im Wert von 232 Milliarden Dollar. Das ist eine Welle. Und wenn wir sie nicht richtig nutzen, verpassen wir eine Chance, die Millionen von Patienten zugutekommt.

Die FDA arbeitet daran, die Zulassung zu beschleunigen. Sie will künftig weniger klinische Studien verlangen - und sich stärker auf die chemische Analyse konzentrieren. Das könnte Biosimilare schneller und günstiger machen. Aber nur, wenn die Öffentlichkeit versteht, dass das kein Abstieg in Qualität ist.

Der Schlüssel ist nicht Technik. Der Schlüssel ist Kommunikation. Nicht mehr Daten. Mehr Verständnis.

Wenn du als Patient weißt: Es ist nicht anders. Es ist nicht schlechter. Es ist nur ein anderer Weg, das Gleiche zu erreichen - dann wirst du es akzeptieren.

Und wenn du als Arzt das sagst - dann wirst du nicht nur Geld sparen. Du wirst Vertrauen zurückgewinnen.

Was du jetzt tun kannst

  • Als Patient: Frag deinen Arzt, ob ein Biosimilar für dich infrage kommt. Fordere eine Erklärung an. Suche nach Studien. Vertraue nicht auf Gerüchte.
  • Als Angehöriger: Unterstütze den Patienten. Hör zu. Frag nach. Hilf ihm, Fragen zu formulieren.
  • Als Arzt oder Apotheker: Erkläre, nicht nur verschreiben. Zeige Daten. Bleibe bei der Nachsorge. Mache es persönlich.

Es geht nicht darum, Biosimilare zu verkaufen. Es geht darum, Patienten zu schützen - mit Wissen, nicht mit Angst.

Kommentare

  • Carolin-Anna Baur

    Carolin-Anna Baur Februar 3, 2026

    Ich verstehe die Angst der Patienten. Aber wenn man die Studien liest, ist es doch klar: Biosimilare sind nicht weniger wirksam. Nur weil sie billiger sind, heißt das nicht, dass sie schlechter sind. Das ist wie bei Kaffee: Ein billigerer Kaffee ist nicht automatisch schlechter. Es ist nur anders hergestellt.

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