Neue Sicherheitsdaten ändern Medikationsrichtlinien: Aktuelle Updates 2026

Neue Sicherheitsdaten ändern Medikationsrichtlinien: Aktuelle Updates 2026
Gesundheit & Medizin Torben Wehrle 17 Jan 2026 0 Kommentare

Im Jahr 2025 haben sich die Regeln für die sichere Verabreichung von Medikamenten grundlegend verändert. Neue Daten aus klinischen Studien, Berichten über tödliche Fehler und Berichte über berufsbedingte Gefahren haben zu einem der umfassendsten Updates in der Geschichte der Medikationssicherheit geführt. Diese Änderungen betreffen Apotheken, Krankenhäuser, Pflegeheime und sogar die Art, wie Patienten ihre Medikamente zu Hause einnehmen. Es geht nicht mehr nur um die richtige Dosis - es geht um Systeme, die Fehler verhindern, bevor sie passieren.

Was hat sich konkret geändert?

Die ISMP (Institute for Safe Medication Practices) hat im März 2025 ihre neuesten Best Practices für Gemeinschaftsapotheken veröffentlicht. Diese Richtlinien sind kein Vorschlag - sie sind eine klare Handlungsaufforderung. Sechs Bereiche wurden neu oder verstärkt definiert: Die Verwendung des Körpergewichts zur Berechnung von Medikamentendosen bei Kindern und Schwerkranken, die Einführung von Barcode-Scannern bei jeder Medikamentenverabreichung, die doppelte Überprüfung von Hochrisikomedikamenten wie Insulin oder Heparin, die Standardisierung von Konzentrationen bei intravenösen Lösungen, die Verbesserung der Rückgabe von Medikamenten in den Bestand, und die klare Kommunikation kritischer Laborergebnisse an das Behandlungsteam.

Ein konkretes Beispiel: Eine Apotheke in Texas hat nach Einführung der Gewichts-basierten Dosisprüfung ihre Fehler bei Kindern um 63 % gesenkt. Das klingt nach einem kleinen Erfolg - aber 63 % weniger Fehler bedeuten, dass viele Kinder nicht mehr eine falsche Dosis bekommen, die sie krank macht oder sogar tötet.

Was ist mit gefährlichen Medikamenten in der Apotheke?

Die NIOSH hat im Dezember 2024 ihre Liste der gefährlichen Medikamente aktualisiert - und dann im Juli 2025 nochmal nachgebessert. Drei neue Arzneimittel wurden hinzugefügt: Datopotamab deruxtecan (Datroway®), Treosulfan (Grafapex™) und Telisotuzumab vedotin (Emrelis™). Alle drei sind sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate, eine neue Klasse von Krebsmedikamenten, die extrem giftig für das Personal sind, wenn sie nicht richtig gehandhabt werden.

Das bedeutet: Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen oder abfüllen, müssen jetzt ihre Arbeitsplätze umbauen. Es reicht nicht mehr, Handschuhe zu tragen. Es braucht spezielle Abzugskabinen, geschlossene Systeme zur Herstellung und klare Protokolle für die Entsorgung. Die Kosten liegen zwischen 15.000 und 50.000 Euro pro Apotheke. Viele kleine Apotheken kämpfen mit diesen Ausgaben - aber die Alternative ist ein höheres Risiko für Apotheker und Pflegekräfte, die durch Einatmen oder Hautkontakt langfristig krank werden können.

Wie beeinflussen diese Änderungen die Krankenversicherung?

Die CMS (Centers for Medicare & Medicaid Services) hat 16 neue Patientensicherheitsmaßnahmen für 2025 eingeführt - und diese sind mit Geld verbunden. Jede Krankenkasse, die im Medicare-Teil D mitmacht, wird nach ihren Leistungen bewertet. Wer schlecht abschneidet, verliert Geld. Wer gut abschneidet, bekommt mehr Patienten.

Zwei Maßnahmen sind besonders wichtig: Die Medikamenteneinnahme bei Cholesterinsenkern (Statine) und die Vermeidung von hohen Opioiddosen bei Patienten ohne Krebs. Um die 80 %-Zielmarke für Statine zu erreichen, müssen Kassen automatische Erinnerungen versenden, Medikamente synchronisieren und gezielt Patienten ansprechen, die ihre Medikamente nicht einnehmen. Das kostet Zeit und Geld - aber es verhindert Herzinfarkte und Schlaganfälle.

Ein Nebeneffekt: Die neuen Regeln haben die Dokumentationslast erhöht. 45 % der Pflegeheimplaner berichten, dass sie jetzt mehr Zeit mit Papierkram verbringen - aber 72 % sagen, dass die Versorgung von Demenzpatienten dadurch besser geworden ist.

Eine Krankenschwester bereitet ein gefährliches Krebsmedikament in einer geschlossenen Sicherheitskabine vor.

Die WHO und der globale Ansatz

Im September 2025 hat die WHO eine weltweite Richtlinie veröffentlicht: „Medication Without Harm“. Das Ziel: Die Zahl der vermeidbaren, schweren Medikationsfehler in fünf Jahren um 50 % zu senken. Das klingt ambitioniert - und ist es auch. Aber die WHO geht anders vor als die USA. Sie setzt nicht auf Technik, sondern auf Systeme.

Die Richtlinie verlangt acht Dinge: klare Gesetze, die Patienten das Recht geben, ihre verschriebenen Schmerzmittel zu bekommen; digitale Systeme, um den Medikamentenfluss zu verfolgen; Schulungen für Ärzte und Apotheker; Aufklärung der Bevölkerung; und die Integration in die Krankenversicherung. In Deutschland ist das bereits weitgehend umgesetzt - in vielen Entwicklungsländern nicht. Dort sterben noch immer Menschen, weil sie kein Morphin bekommen, oder weil sie ein falsches Medikament nehmen, weil die Etiketten nicht lesbar sind.

Was bedeutet das für Apotheker und Ärzte?

Die Umsetzung ist kein Einmal-Projekt. Es braucht Zeit, Geld und Menschen. Die ISMP empfiehlt einen dreistufigen Plan: In den ersten 30 Tagen: Schulungen starten und Hochrisikomedikamente doppelt prüfen. In drei bis sechs Monaten: Barcode-Scanner und elektronische Systeme einbauen. In sechs bis 18 Monaten: Die gesamte Arbeitsabläufe neu gestalten.

Aber es gibt Widerstand. 52 % der Apotheken berichten von Mitarbeiterwiderstand. 47 % sagen, sie haben einfach keine Zeit für Sicherheitsbesprechungen. Die Lösung? Ein fester Sicherheitsbeauftragter, der regelmäßig mit dem Team spricht - und der nicht nur Vorschriften vorliest, sondern auch zuhört. Wer erfolgreich ist, hat ein Team, das sich als Sicherheits-Team sieht - nicht als reine Abrechnungsabteilung.

Eine junge Frau und ihre Großmutter besprechen die Medikamenteneinnahme mit einer Erinnerungs-App zu Hause.

Technologie: Ein Teil der Lösung - aber nicht die ganze

Der Markt für Medikationssicherheit wächst. Er soll bis 2027 auf 4,1 Milliarden Dollar anwachsen. Große Apothekenketten investieren in Systeme von BD Pyxis oder Omnicell - das kostet über eine Million Dollar. Kleine Apotheken greifen auf günstigere, modulare Lösungen zurück - etwa 1.200 bis 2.500 Euro pro Monat.

Aber Technologie allein rettet keine Leben. Ein Barcode-Scanner hilft nicht, wenn der Apotheker müde ist, der Arzt eine unleserliche Rezeptur schreibt oder die Patientin ihre Medikamente nicht versteht. Die wirkliche Innovation liegt darin, Technik und Mensch zu verbinden. Künstliche Intelligenz kann helfen, Risiken vorherzusagen - MedAware hat mit KI in Studien 41 % weniger schwere Fehler erreicht. Aber KI ist kein Ersatz für einen aufmerksamen Apotheker.

Was kommt als Nächstes?

Im ersten Quartal 2026 wird die ISMP ihre neuen Richtlinien für Krankenhäuser veröffentlichen. Dabei wird KI ein zentrales Thema sein - aber auch die Liste der Hochrisikomedikamente wird erweitert. Die FDA hat bereits im September 2025 eine Warnung zu Tranexamsäure herausgegeben - ein Medikament, das bei Blutungen eingesetzt wird, aber oft falsch verabreicht wird, weil die Etiketten verwirrend sind.

Der neue FDA-Kommissar Robert Califf hat angekündigt, dass ab 2026 mindestens zwei große Sicherheitswarnungen pro Monat kommen werden. Das ist ein Signal: Die Überwachung wird härter, die Anforderungen werden strenger - und die Verantwortung liegt bei jedem Einzelnen, der Medikamente verschreibt, abgibt oder einnimmt.

Was können Patienten tun?

Sie müssen nicht alles wissen - aber sie können Fragen stellen. Frag nach: „Ist das Medikament für mein Gewicht richtig dosiert?“, „Warum nehme ich das?“, „Gibt es Wechselwirkungen mit meinen anderen Medikamenten?“. Zeig deine Medikamentenliste - alle - dem Arzt und dem Apotheker. Nutze Medikamenten-Apps, die dich an die Einnahme erinnern. Und wenn etwas nicht stimmt - sag es. Die neuen Richtlinien helfen - aber sie funktionieren nur, wenn Patienten mitmachen.

Welche Medikamente sind neu auf der NIOSH-Liste der gefährlichen Stoffe?

Im Juli 2025 wurden drei neue Medikamente zur NIOSH-Liste hinzugefügt: Datopotamab deruxtecan (Datroway®), Treosulfan (Grafapex™) und Telisotuzumab vedotin (Emrelis™). Alle drei gehören zur Gruppe der Antineoplastika und werden vor allem in der Krebstherapie eingesetzt. Sie sind besonders gefährlich für das medizinische Personal, da sie über die Haut oder durch Einatmen in den Körper gelangen können. Die Handhabung erfordert spezielle Schutzausrüstung und abgeschlossene Systeme zur Herstellung.

Warum müssen Apotheken jetzt Barcode-Scanner verwenden?

Barcode-Scanner verhindern, dass das falsche Medikament, die falsche Dosis oder der falsche Patient behandelt wird. Bevor ein Medikament verabreicht wird, scannen Apotheker oder Pflegekräfte den Barcode des Medikaments und den des Patienten. Das System prüft automatisch, ob alles übereinstimmt. Studien zeigen, dass Apotheken mit vollständiger Barcode-Nutzung bis zu 37 % weniger Fehler melden. Es ist eine einfache, kosteneffektive Maßnahme - aber viele kleine Apotheken haben sie noch nicht eingeführt, weil die Anschaffungskosten hoch sind.

Wie beeinflussen die neuen CMS-Maßnahmen meine Krankenversicherung?

Die CMS-Maßnahmen bewerten Krankenkassen nach ihrer Leistung in der Medikationssicherheit. Wer gut abschneidet - etwa bei der Einnahme von Cholesterinsenkern - erhält höhere Sterne. Höhere Sterne bedeuten mehr Patienten und mehr Geld. Wer schlecht abschneidet, verliert Patienten. Das zwingt Kassen dazu, mehr in Patientenberatung, Erinnerungssysteme und medizinische Unterstützung zu investieren. Indirekt profitieren Sie als Patient davon - denn Ihre Kasse hat jetzt einen Anreiz, dafür zu sorgen, dass Sie Ihre Medikamente richtig einnehmen.

Gibt es eine Übersicht, welche Richtlinien wo gelten?

Ja - aber sie sind unterschiedlich. Die ISMP-Richtlinien gelten vor allem in den USA für Apotheken. Die NIOSH-Liste ist ein Arbeitsschutzstandard für medizinisches Personal. Die WHO-Richtlinie ist ein globaler Leitfaden, den Länder übernehmen können - aber nicht müssen. Die CMS-Maßnahmen gelten nur für Medicare-Teil D-Pläne in den USA. In Deutschland gelten die europäischen Richtlinien und die nationalen Gesetze, aber viele der Prinzipien - wie Doppelkontrolle, klare Kommunikation und Patientenaufklärung - sind überall gleich wichtig.

Was kann ich als Patient tun, um mich vor Medikationsfehlern zu schützen?

Halten Sie eine aktuelle Liste aller Medikamente - einschließlich Vitamine und pflanzliche Mittel - bereit. Bringen Sie sie zu jeder Arzt- oder Apothekenbesuch mit. Fragen Sie: „Warum nehme ich dieses Medikament?“, „Welche Nebenwirkungen kann ich erwarten?“, „Kann ich es mit meinen anderen Medikamenten einnehmen?“. Nutzen Sie Erinnerungs-Apps oder Pillenboxen. Und wenn etwas nicht stimmt - sagen Sie es. Die neuen Richtlinien sind ein System - aber Sie sind der wichtigste Teil davon.