Wenn du dich bewegst, schwitzt oder eine heiße Dusche nimmst, und plötzlich tausend kleine, juckende Pickel auf deiner Haut erscheinen - dann könnte es nicht einfach eine Allergie sein. Es könnte cholinergische Urticaria sein. Eine Form von Nesselsucht, die nicht durch Pollen, Nahrungsmittel oder Tierhaare ausgelöst wird, sondern durch deine eigene Körpertemperatur. Genau: Wärme ist der Auslöser. Und das macht sie besonders schwer zu vermeiden, denn du kannst nicht auf Schwitzen verzichten. Nicht beim Sport, nicht beim Essen, nicht beim Stress. Nicht einmal beim Kaffee am Morgen.
Was genau ist cholinergische Urticaria?
Cholinergische Urticaria (CU) ist eine Form der physischen Urticaria, also einer Hautreaktion, die durch körperliche Reize ausgelöst wird - nicht durch Allergene. Bei CU reagiert dein Immunsystem auf einen Anstieg der Körpertemperatur. Sobald du dich bewegst, dich aufwärmen lässt oder dich emotional aufregst, steigt deine Temperatur leicht an - und deine Haut reagiert mit kleinen, roten Pusteln, umgeben von geröteten Flecken. Diese Hautveränderungen sind typischerweise 1 bis 3 Millimeter groß, fühlen sich an wie Nadelstiche, und sie brennen, jucken oder kribbeln. Sie erscheinen meist innerhalb von 2 bis 15 Minuten nach dem Auslöser und verschwinden nach 15 bis 30 Minuten, spätestens nach 90 Minuten, wenn du dich abgekühlt hast.
Diese Reaktion passiert, weil die Nervenenden in deinen Schweißdrüsen eine falsche Alarmmeldung senden. Sie aktivieren Mastzellen in der Haut, die Histamin freisetzen. Und Histamin ist der Stoff, der bei allen Formen von Nesselsucht für Rötung, Schwellung und Juckreiz verantwortlich ist. Forschungen zeigen, dass bei CU-Patienten bestimmte Eiweiße in den Schweißdrüsen - wie Acetylcholinesterase und CHRM3-Rezeptoren - unterdurchschnittlich aktiv sind. Gleichzeitig ziehen entzündungsfördernde Botenstoffe wie CCL17 und CCL5 Immunzellen an, die die Reaktion verstärken.
Wie erkennt man es?
Die Symptome sind eindeutig - wenn du sie kennst. Sie treten fast immer an Stellen auf, die schwitzen:
- Brust (bei 78 % der Betroffenen)
- Gesicht (65 %)
- oberer Rücken (62 %)
- Arme (58 %)
Dagegen: Die Handflächen, Fußsohlen oder Schleimhäute bleiben fast immer verschont. Das ist ein wichtiger Hinweis. Wenn du nur an den Händen Ausschlag hast, ist es wahrscheinlich nicht CU. Und wenn du nach einer heißen Dusche plötzlich rote Punkte auf dem Bauch bekommst - das könnte es sein.
Typisch ist auch der zeitliche Ablauf: Keine halbe Stunde Warten, keine Stunden Verzögerung. Es passiert schnell - und es geht schnell wieder weg. Das unterscheidet CU von anderen Formen von Urticaria. Bei Druckurticaria etwa dauert es 6 bis 8 Stunden, bis die Schwellung kommt. Bei Kälteurticaria reagiert die Haut auf Kälte, nicht auf Wärme. Und bei Sonnenurticaria brauchst du echtes Sonnenlicht - CU tritt auch im Dunkeln auf, solange du dich aufwärmst.
Wer bekommt es?
CU beginnt meist zwischen 15 und 25 Jahren. Du bist also kein Kind mehr, aber noch jung genug, um Sport zu treiben, zu arbeiten, zu reisen - und plötzlich wird dein Körper zu deinem Feind. Es ist eine Erkrankung, die oft unterschätzt wird. Viele Betroffene denken zuerst: „Das ist nur Stress.“ Oder: „Ich bin allergisch gegen Sport.“ Einige werden sogar fälschlicherweise als „Sport-induzierte Anaphylaxie“ diagnostiziert - ein schwerwiegender Fehler, der zu falscher Behandlung führt. Laut einer Studie der Yale University wird CU in 22 % der Notaufnahmefälle falsch erkannt.
Die Erkrankung betrifft etwa 5 bis 7 % aller Menschen mit Nesselsucht. Weltweit sind das geschätzt 3 bis 5,6 Millionen Menschen. Interessant: In wärmeren Klimazonen wie Südostasien ist die Häufigkeit doppelt so hoch wie in Skandinavien. Das deutet darauf hin, dass Klima eine Rolle spielt - und vielleicht auch künftig eine größere Rolle spielen wird, denn mit steigenden Temperaturen wird CU wahrscheinlich häufiger.
Was löst es aus?
Es ist nicht nur Sport. Es ist alles, was dich aufwärmt:
- Exercise - besonders intensiv, wie Laufen, Radfahren, Krafttraining
- Heiße Duschen oder Bäder
- Spicy Foods - scharfe Gerichte erhöhen die Körpertemperatur durch Stoffwechselreaktionen
- Emotionale Stresssituationen - Angst, Wut oder Aufregung können schwitzen auslösen
- Heiße Umgebungen - Sauna, Sonne, enge Räume ohne Klimaanlage
- Tragen von engen, nicht atmungsaktiven Kleidung
Ein Patient aus einer Online-Selbsthilfegruppe beschrieb es so: „Ich habe 14 Hochzeiten verpasst, weil ich Angst hatte, mich in einem Anzug zu überhitzen.“ Das ist kein Einzelfall. Viele Betroffene vermeiden soziale Situationen, weil sie nicht riskieren wollen, plötzlich wie ein „roter Kuchen“ auszusehen.
Wie wird es diagnostiziert?
Der Goldstandard ist der passive Warmentest. Ein Arzt misst deine Körpertemperatur, dann wärmt er dich langsam auf - etwa durch eine warme Decke oder ein Heizkissen -, bis deine Temperatur um 0,5 Grad Celsius ansteigt. Wenn du innerhalb von 15 Minuten die typischen Pusteln bekommst, ist die Diagnose gesichert. In 94 % der Fälle funktioniert dieser Test einwandfrei. Es gibt auch spezielle Apps, die dir helfen, deine Auslöser zu tracken: Temperatur, Aktivität, Nahrung, Symptome. Eine davon hat 85 % der Nutzer als hilfreich bewertet.
Wichtig: Bluttests oder Allergietests helfen nicht. CU ist keine Allergie. Es ist eine Fehlreaktion deines Nervensystems auf Wärme.
Was hilft? Behandlung und Prävention
Es gibt keine Heilung - aber gute Kontrolle. Die erste Linie der Behandlung sind zweite-Generation-H1-Antihistaminika:
- Cetirizin (10-20 mg täglich)
- Loratadin (10 mg täglich)
Studien zeigen: Diese Medikamente helfen bei 68 % der Patienten. Wenn sie nicht ausreichen, kann man die Dosis auf das Vierfache erhöhen - also bis zu 40 mg Cetirizin täglich. Das ist sicher und wird gut vertragen. Bei 32 % der Patienten reicht das aber nicht. Dann kommt eine Kombination mit einem H2-Blocker wie Famotidin (20 mg zweimal täglich) - das hilft bei 57 % der Fälle.
Für besonders schwere Fälle, die auch Atembeschwerden oder Kreislaufprobleme auslösen, gibt es neue Optionen: Seit Juni 2023 ist Omalizumab (Xolair) auch für CU zugelassen. Es ist ein Biologikum, das normalerweise bei Asthma und chronischer Spontanurticaria eingesetzt wird. In Studien kontrollierte es die Symptome bei 78 % der Patienten. Aber: Es kostet etwa 3.500 Euro pro Monat - und wird kaum von Krankenkassen übernommen. Nur 4,3 % der CU-Patienten nutzen es deshalb.
Prävention ist der Schlüssel. Hier sind die effektivsten Strategien:
- Temperatur im Griff halten: Vermeide heiße Umgebungen. Nutze Klimaanlage, Ventilatoren, kühle Räume.
- Atmungsaktive Kleidung: Trage Kleidung aus Merinowolle, Tencel oder speziellen Sportstoffen, die Schweiß schnell abtransportieren. Vermeide Baumwolle, die nass bleibt.
- Trainingsroutine anpassen: Trainiere in kühleren Stunden (früh morgens oder abends). Nutze Indoor-Geräte mit Klimatisierung. Reduziere die Intensität - leichte Bewegung reicht oft aus.
- Scharfes Essen vermeiden: Chili, Pfeffer, Kurkuma - sie erhöhen die innere Temperatur. Einige Patienten merken: Ein scharfes Curry am Abend führt am nächsten Tag zu einer Reaktion.
- Langsames Aufwärmen: Bevor du trainierst, mache 5 Minuten leichte Dehnübungen - das hilft, die Temperatur langsam anzuheben und den Ausbruch zu verhindern.
- Trinken: Halte dich gut hydratiert. Wasser kühlt von innen.
Ein Patient aus Bremen, der seit 5 Jahren betroffen ist, sagt: „Ich habe seitdem nur noch im Kühlschrank trainiert - also im Fitnessstudio mit Klimaanlage. Und seitdem hatte ich nur noch zwei Ausbrüche im letzten Jahr.“
Wann wird es gefährlich?
Die meisten Fälle sind unangenehm, aber harmlos. Aber bei 12,3 % der Betroffenen treten auch systemische Symptome auf:
- Niedriger Blutdruck (unter 90 mmHg)
- Schneller Puls (über 100 Schläge pro Minute)
- Atemnot, Keuchen
- Anaphylaxie - extrem selten, aber möglich
Etwa 8,7 % der Patienten erhalten eine Epinephrin-Autoinjektor-Spritze (EpiPen) als Notfallvorsichtsmaßnahme. Wenn du jemals Atemnot, Schwindel oder Übelkeit zusammen mit dem Hautausschlag hast - suche sofort medizinische Hilfe. Das ist kein „nur Juckreiz“ mehr.
Was kommt als Nächstes?
Forscher arbeiten an neuen Lösungen. In den nächsten Jahren sollen biologische Marker identifiziert werden, die CU früh und sicher erkennen lassen. Außerdem entwickeln Unternehmen wie ThermaCare und Mayo Clinic intelligente Kleidung, die die Körpertemperatur überwacht und bei Gefahr abkühlt. In Tests reduzierte diese Kleidung die Ausbrüche um 63 %. Bis 2028 könnte solche Technologie für Betroffene Standard werden.
Aber es gibt auch eine dunkle Prognose: Klimawandel. Studien sagen, dass in gemäßigten Klimazonen bis 2040 die Zahl der CU-Fälle um 15 bis 25 % steigen könnte - einfach weil es heißer wird. Wer heute betroffen ist, könnte morgen nicht mehr allein damit kämpfen. Die Gesellschaft muss sich darauf vorbereiten.
Frequently Asked Questions
Ist cholinergische Urticaria eine Allergie?
Nein. Es ist keine Allergie, weil kein Fremdstoff wie Pollen, Nahrung oder Tierhaare ausgelöst wird. Es ist eine Fehlreaktion des Nervensystems auf Körpertemperatur. Du bist nicht allergisch gegen Hitze - dein Körper reagiert falsch auf Schwitzen.
Kann man cholinergische Urticaria heilen?
Derzeit nicht. Aber bei etwa 30 % der Betroffenen verschwindet die Erkrankung nach 7 bis 10 Jahren von selbst. Die Symptome werden mit zunehmendem Alter meist schwächer. Die Behandlung zielt daher auf Kontrolle, nicht auf Heilung.
Warum tritt es nur an bestimmten Körperteilen auf?
Weil nur dort Schweißdrüsen aktiv sind. Die typischen Stellen - Brust, Gesicht, Rücken, Arme - haben viele Schweißdrüsen. Handflächen und Fußsohlen haben zwar Drüsen, aber sie reagieren anders. Deshalb bleibt der Ausschlag dort meist aus.
Kann ich trotzdem Sport treiben?
Ja - aber mit Anpassungen. Trainiere in kühlen Räumen, trage atmungsaktive Kleidung, trinke viel Wasser und vermeide intensive Workouts in der Mittagshitze. Viele Patienten nutzen Indoor-Fitnessgeräte mit Klimaanlage und haben so ihre Lebensqualität zurückgewonnen.
Welche Medikamente helfen am besten?
Zweite-Generation-Antihistaminika wie Cetirizin oder Loratadin sind die erste Wahl. Sie wirken länger und verursachen weniger Schläfrigkeit als alte Medikamente wie Dimetinden. Bei schweren Fällen kann man die Dosis erhöhen oder Famotidin hinzufügen. Biologika wie Omalizumab helfen bei Resistenzen - aber nur, wenn andere Optionen versagt haben.
Kann ich meine Symptome selbst tracken?
Ja. Nutze eine App, die Temperatur, Aktivität, Nahrung und Symptome protokolliert. So findest du deine persönlichen Auslöser - und kannst gezielt vermeiden, was dir schadet. Viele Patienten merken: Ein heißer Kaffee am Morgen, ein scharfes Mittagessen, ein kurzer Spaziergang in der Sonne - das sind ihre drei Hauptauslöser.