Sulfonylharnstoffe und Gewichtszunahme: Langfristige Risiken bei Diabetes

Sulfonylharnstoffe und Gewichtszunahme: Langfristige Risiken bei Diabetes
Gesundheit & Medizin Torben Wehrle 11 Jan 2026 1 Kommentare

Gewichtsrechner für Diabetes-Medikamente

Gewichtsprognose berechnen

Hinweis: Diese Prognose basiert auf klinischen Studien. Ihre individuelle Reaktion kann variieren.

Wenn Sie mit Typ-2-Diabetes behandelt werden, haben Sie vielleicht schon einmal von Sulfonylharnstoffen gehört. Diese Medikamente - wie Glimepirid, Glyburid oder Gliclazid - sind seit Jahrzehnten ein Standard in der Diabetes-Therapie. Sie senken den Blutzucker zuverlässig, sind günstig und einfach einzunehmen. Doch hinter dieser Effizienz verbirgt sich ein Problem, das viele Patienten nicht erwarten: Gewichtszunahme. Und das ist kein vorübergehender Nebeneffekt. Es ist eine langfristige Belastung, die die gesamte Diabetes-Behandlung beeinträchtigen kann.

Wie Sulfonylharnstoffe Gewicht erhöhen

Sulfonylharnstoffe funktionieren, indem sie die Bauchspeicheldrüse dazu bringen, mehr Insulin auszuschütten. Das senkt den Blutzucker - das ist gut. Aber Insulin ist nicht nur ein Blutzucker-Senker. Es ist auch ein Fett-speicherndes Hormon. Wenn es in höheren Mengen im Blut zirkuliert, signalisiert es den Fettzellen: „Speichere mehr Fett.“ Das führt zu einer Zunahme der Körperfettmasse, selbst wenn die Ernährung unverändert bleibt.

Studien zeigen, dass Patienten im Durchschnitt 2 bis 5 Kilogramm zunehmen, wenn sie Sulfonylharnstoffe einnehmen. Bei einigen Menschen ist es noch mehr. Eine 2016 veröffentlichte Studie in der Farmacia Journal fand heraus, dass 25,5 % der 51 untersuchten Patienten deutlich zugenommen hatten. Besonders betroffen waren diejenigen, die Glimepirid einnahmen - über 60 % der Gewichtszunahmefälle traten bei diesem Wirkstoff auf. Gliclazid hingegen zeigte eine deutlich geringere Wirkung. In einer Studie aus dem Jahr 1988 nahmen Patienten sogar leicht ab, während sie Gliclazid einnahmen.

Warum nicht alle Sulfonylharnstoffe gleich sind

Nicht alle Sulfonylharnstoffe wirken gleich. Das ist ein entscheidender Punkt, den viele Ärzte und Patienten übersehen. Glimepirid und Glyburid sind stärkere Insulinstimulatoren. Sie binden intensiver an die Rezeptoren in den Bauchspeicheldrüsen- und Fettzellen. Das macht sie effektiver - aber auch riskanter hinsichtlich Gewichtszunahme und Unterzuckerung.

Gliclazid dagegen wirkt anders. Es hat eine geringere Wirkung auf Fettzellen und scheint sogar eine gewisse insulin-sensibilisierende Wirkung zu haben. Das erklärt, warum Patienten mit Gliclazid oft weniger zunehmen. In der gleichen Farmacia-Studie lag die Gewichtszunahme bei Gliclazid bei nur 35 % der Fälle - deutlich unter dem Durchschnitt. Wenn Sie Sulfonylharnstoffe brauchen, ist Gliclazid oft die bessere Wahl - vorausgesetzt, es ist verfügbar und bezahlbar.

Vergleich mit anderen Diabetes-Medikamenten

Wenn Sie sich die Gewichtsentwicklung anderer Diabetes-Medikamente ansehen, wird klar, warum Sulfonylharnstoffe immer mehr in die Kritik geraten.

  • Metformin: Gewichtsneutral oder leicht abnehmend - bis zu 3 kg Verlust.
  • GLP-1-Agonisten (z. B. Semaglutid): 3-7 kg Gewichtsverlust - und das bei gleichzeitig besserer Blutzuckerkontrolle.
  • SGLT2-Hemmer (z. B. Empagliflozin): 3-6 kg Gewichtsverlust - zusätzlich schützen sie Herz und Nieren.
  • Thiazolidindione (z. B. Pioglitazon): 1,5-4 kg Gewichtszunahme - ähnlich wie Sulfonylharnstoffe, aber mit höherem Risiko für Knochenbrüche und Herzversagen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Während neue Medikamente Gewicht verlieren lassen, verursachen Sulfonylharnstoffe Gewichtszunahme. Und Gewichtszunahme macht Diabetes schwerer zu kontrollieren. Es erhöht die Insulinresistenz, belastet das Herz und führt oft zu weiteren Medikamenten - ein Teufelskreis.

Zwei Frauen nehmen unterschiedliche Diabetes-Medikamente; eine mit Gewichtszunahme, die andere mit gesundem Lebensstil.

Was Ärzte sagen: Kritik und Nuancen

Einige Experten warnen eindringlich. Dr. John B. Buse von der University of North Carolina sagt: „Gewichtszunahme bei Sulfonylharnstoffen schafft ein therapeutisches Paradoxon: Der Blutzucker verbessert sich, aber die metabolische Gesundheit verschlechtert sich.“ Die American Association of Clinical Endocrinologists rät daher explizit davon ab, Sulfonylharnstoffe bei Patienten mit einem BMI über 35 einzusetzen.

Aber es gibt auch eine Gegenstimme. Dr. Ralph A. DeFronzo von der UT Health San Antonio weist darauf hin, dass viele Studien übertriebene Gewichtszunahmen melden. In der realen Praxis, sagt er, liegt die Zunahme oft nur bei 1,8 bis 2,7 kg über zwei Jahre - nicht bei 4-5 kg. Das ist weniger dramatisch, aber immer noch problematisch, besonders wenn es über Jahre anhält.

Ein weiterer Faktor: Sulfonylharnstoffe erhöhen das Risiko für Unterzuckerung. Wenn Sie eine Unterzuckerung bekommen, essen Sie schnell etwas Süßes - und das führt zu mehr Kalorien, mehr Fett und mehr Gewicht. Das ist kein direkter Effekt des Medikaments, aber ein indirekter, der oft unterschätzt wird.

Was Patienten wirklich erleben

Online-Foren zeigen, wie stark das Gewichtsproblem die Lebensqualität beeinflusst. Auf der Plattform der American Diabetes Association berichteten 68 % der 1.243 Befragten, dass Gewichtszunahme ein „signifikantes Problem“ war. Durchschnittlich nahmen sie 4,5 kg zu - in nur 18 Monaten.

Auf Reddit schrieb ein Nutzer namens „Type2Warrior87“: „Nach 9 Monaten Glipizid hatte ich 12 Pfund zugenommen - trotz gleichbleibender Ernährung und Bewegung. Als ich auf Metformin wechselte, verlor ich es alle wieder in 6 Monaten.“

Aber es gibt auch andere Geschichten. Ein anderer Nutzer, „DiabetesSurvivor“, sagt: „Glyburid kostet nur 8 Dollar im Monat. Ich nehme die 5 Pfund hin, weil ich mir sonst nichts leisten könnte.“

Das ist der Kern des Problems: Sulfonylharnstoffe sind billig. Und für viele Menschen - besonders in niedrigen Einkommensgruppen - ist das entscheidend. In den USA sank die Verschreibung von Sulfonylharnstoffen zwischen 2017 und 2022 um 34 %. Gleichzeitig stiegen die Verschreibungen von GLP-1-Agonisten um 187 %. Aber viele können sich die neuen Medikamente nicht leisten. Sie kosten bis zu 600 Dollar im Monat - Sulfonylharnstoffe nur 4 bis 50 Dollar.

Patienten in einer Klinik mit verschiedenen Medikamenten, einige teuer, andere günstig, emotionale Gesichter im Hintergrund.

Wie man Gewichtszunahme verhindern oder reduzieren kann

Wenn Sie Sulfonylharnstoffe einnehmen, müssen Sie nicht einfach resignieren. Es gibt Strategien, die helfen.

  1. Wählen Sie den richtigen Wirkstoff: Wenn möglich, entscheiden Sie sich für Gliclazid statt Glimepirid oder Glyburid.
  2. Kombinieren Sie mit Metformin: Eine Kombination aus Sulfonylharnstoff und Metformin führt zu 1,2 kg weniger Gewichtszunahme als Sulfonylharnstoff allein - laut der Farmacia-Studie.
  3. Bewegen Sie sich: 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche (z. B. schnelles Gehen) reduzieren die Gewichtszunahme um bis zu 63 %, wie eine Studie des US-Verteidigungsministeriums zeigte.
  4. Essen Sie in einem Zeitfenster: Eine neue Studie aus dem Jahr 2024 zeigte, dass das Essen nur innerhalb eines 8-Stunden-Fensters die Gewichtszunahme um 78 % verringerte - ein einfacher, aber wirkungsvoller Trick.
  5. Überwachen Sie Ihr Gewicht: Messen Sie sich monatlich. Wenn Sie innerhalb von 6 Monaten mehr als 3 % Ihres Ausgangsgewichts zugenommen haben, sprechen Sie mit Ihrem Arzt über einen Wechsel.

Die Zukunft: Bleiben Sulfonylharnstoffe relevant?

Sulfonylharnstoffe werden nicht verschwinden - aber ihre Rolle verändert sich. Ihre Marktanteile sanken von 26 % im Jahr 2015 auf 18 % im Jahr 2022. Bis 2030 wird der Anteil auf 12 % sinken, prognostizieren Experten.

Aber es gibt neue Entwicklungen. Seit 2023 gibt es Kombinationspräparate wie Glyburid-Metformin XR - eine Tablette, die den Blutzucker senkt und gleichzeitig die Gewichtszunahme reduziert. In Studien nahmen Patienten 1,8 kg weniger zu als mit Glyburid allein.

Dr. Matthew Riddle von der Oregon Health & Science University warnt: „Wenn wir Sulfonylharnstoffe komplett abschaffen, schaffen wir Ungerechtigkeit. 85 % der Menschen mit Diabetes in niedrigen Einkommensländern können sich keine neuen Medikamente leisten.“

Die Lösung liegt nicht im Verbot, sondern in der intelligenten Nutzung. Sulfonylharnstoffe haben ihren Platz - aber nur als zweite Wahl, bei Patienten mit niedrigem Herzrisiko, begrenztem Einkommen und wenn keine anderen Optionen verfügbar sind. Und sie sollten immer mit Maßnahmen kombiniert werden, die Gewichtszunahme verhindern.

Letztendlich geht es nicht darum, ob Sulfonylharnstoffe wirken - sie tun das. Es geht darum, ob sie die beste Wahl für Ihre langfristige Gesundheit sind. Und oft sind sie es nicht. Wenn Sie Gewicht verlieren wollen, Blutzucker stabil halten und Ihr Herz schützen, gibt es heute bessere Wege. Aber wenn Geld das einzige Problem ist - dann ist ein Sulfonylharnstoff immer noch besser als kein Medikament.

Warum nehmen Menschen mit Sulfonylharnstoffen zu?

Sulfonylharnstoffe erhöhen die Insulinproduktion. Insulin fördert die Speicherung von Fett in den Fettzellen. Selbst bei gleichbleibender Ernährung führt diese erhöhte Insulinwirkung zu Gewichtszunahme. Zusätzlich können Unterzuckerungen durch Sulfonylharnstoffe dazu führen, dass Patienten unnötig Kalorien zu sich nehmen, was das Problem verschärft.

Welches Sulfonylharnstoff hat die geringste Gewichtszunahme?

Gliclazid zeigt die geringste Gewichtszunahme unter den Sulfonylharnstoffen. Studien zeigen, dass Patienten mit Gliclazid oft nur wenig zunehmen - manche verlieren sogar Gewicht. Im Vergleich dazu verursachen Glimepirid und Glyburid deutlich stärkere Gewichtszunahme, weil sie stärker auf Fettzellen wirken.

Kann ich Sulfonylharnstoffe mit Metformin kombinieren, um Gewicht zu vermeiden?

Ja. Die Kombination aus Sulfonylharnstoff und Metformin reduziert die Gewichtszunahme um durchschnittlich 1,2 kg im Vergleich zur alleinigen Einnahme von Sulfonylharnstoff. Metformin hemmt die Leberproduktion von Glukose und verbessert die Insulinempfindlichkeit - es wirkt gewichtsneutral bis leicht abnehmend.

Sollte ich Sulfonylharnstoffe absetzen, wenn ich zunehme?

Nicht sofort. Wenn Sie innerhalb von 6 Monaten mehr als 3 % Ihres Ausgangsgewichts zugenommen haben, sollten Sie mit Ihrem Arzt über einen Wechsel sprechen. Ein Wechsel zu Metformin, einem SGLT2-Hemmer oder einem GLP-1-Agonisten kann helfen. Aber setzen Sie das Medikament nicht selbst ab - das kann gefährlich sein.

Gibt es neue Medikamente, die Sulfonylharnstoffe ersetzen?

Ja. GLP-1-Agonisten wie Semaglutid und SGLT2-Hemmer wie Empagliflozin wirken nicht nur gewichtsreduzierend, sondern schützen auch Herz und Nieren. Sie sind teurer, aber in der Langfristperspektive oft kosteneffektiver, da sie Komplikationen verhindern. Für viele Menschen sind sie heute die erste Wahl - wenn sie sich leisten können.

Kommentare

  • Thorsten Lux

    Thorsten Lux Januar 11, 2026

    hm also ich hab das mit glimepirid auch gemerkt, hab 8kg zugenommen in 6 monaten und dachte ich ess zu viel, aber nee, war das medikament. jetzt auf metformin und alles wieder weg. leute, checkt eure tabletten!

Schreibe einen Kommentar