QT-Intervall-Risikobewertung für Macrolid-Therapie
Berechnen Sie Ihr persönliches Risiko
Geben Sie Ihre Risikofaktoren ein. Dieses Tool hilft Ihnen, zu entscheiden, ob ein EKG vor der Therapie erforderlich ist.
Stellen Sie sich vor: Sie bekommen ein Antibiotikum wie Azithromycin wegen einer Lungenentzündung. Es wirkt gut, Sie fühlen sich besser - doch hinter den Kulissen läuft ein unsichtbarer Prozess ab, der Ihr Herz beeinflussen kann. Macrolide, zu denen auch Clarithromycin und Erythromycin gehören, sind weit verbreitet. Doch sie haben eine unterschätzte Nebenwirkung: Sie verlängern das QT-Intervall im EKG. Und das kann lebensbedrohlich werden.
Was genau ist das QT-Intervall und warum ist es wichtig?
Das QT-Intervall misst, wie lange es dauert, bis sich die Herzkammern nach einem Schlag elektrisch wieder entspannen. Normal liegt es unter 450 Millisekunden bei Männern und unter 470 bei Frauen. Wenn es länger wird, kann das Herz in einen gefährlichen Rhythmus geraten - Torsades de Pointes. Das ist eine Form von Kammerflimmern, die plötzlich zum Herzstillstand führen kann.
Macrolide blockieren einen bestimmten Kaliumkanal im Herzen (hERG-Kanal). Das verlangsamt die elektrische Wiederherstellung. Erythromycin ist am stärksten betroffen - das Risiko ist fast fünfmal höher als bei anderen Antibiotika. Azithromycin ist etwas sicherer, aber immer noch riskant. Eine Studie aus dem New England Journal of Medicine zeigte: Wer Azithromycin nimmt, hat ein 2,7-fach höheres Risiko, an einem Herzproblem zu sterben, als jemand, der Amoxicillin nimmt.
Wer ist wirklich in Gefahr?
Nicht jeder, der ein Macrolid nimmt, braucht ein EKG. Aber einige Gruppen sind besonders gefährdet. Die wichtigsten Risikofaktoren sind:
- Alter über 65 Jahre: Das Risiko steigt um 2,3-fach.
- Weibliches Geschlecht: Frauen haben ein 2,9-fach höheres Risiko als Männer.
- Vorbestehende Herzprobleme: Schon eine verlängerte QT-Zeit vor der Therapie ist ein Warnsignal.
- Andere Medikamente: Wenn Sie schon ein Medikament nehmen, das das QT-Intervall verlängert - wie bestimmte Antidepressiva, Antipsychotika oder Anti-Malaria-Mittel - wird das Risiko fast vierfach erhöht.
- Nierenschwäche: Macrolide werden über die Nieren ausgeschieden. Bei eingeschränkter Nierenfunktion sammeln sie sich an.
Ein Patient mit zwei oder mehr dieser Faktoren hat ein Risiko von 3-5 %, eine lebensbedrohliche Arrhythmie zu entwickeln - besonders wenn das QT-Intervall über 500 ms liegt. Jede zusätzliche 10 ms Verlängerung steigert das Risiko um 5-7 %.
Wer braucht ein EKG vor der Therapie?
Die britischen Leitlinien der British Thoracic Society (BTS) aus 2020 sagen klar: Jeder, der eine langfristige Macrolid-Therapie bekommt - zum Beispiel bei Bronchiektasie oder chronischer Lungenentzündung - muss vorher ein EKG machen. Das gilt unabhängig von Risikofaktoren. Warum? Weil viele Patienten ihre Risiken gar nicht kennen. In einer Studie wurden bei 1,2 % der Patienten, die routinemäßig untersucht wurden, bisher unerkannte angeborene QT-Verlängerungen entdeckt.
Aber was ist mit akuten Infektionen? Wenn Sie nur fünf Tage Azithromycin wegen einer Sinusitis bekommen - brauchen Sie dann ein EKG? Hier ist die Antwort weniger klar. Die meisten Leitlinien sagen: Nein, wenn Sie gesund sind und keine Risikofaktoren haben. Die absolute Zahl der Todesfälle bei kurzfristiger Macrolid-Therapie liegt bei nur 1-8 Fällen pro 10.000 Patientenjahre. Das ist selten. Aber selten bedeutet nicht unmöglich.
Ein Fall aus einem Reddit-Forum aus März 2025 zeigt, wie schnell es schiefgehen kann: Eine 68-jährige Frau mit QTc von 480 ms (bereits leicht erhöht) bekam Clarithromycin. Nach fünf Tagen entwickelte sie Torsades de Pointes. Sie überlebte nur dank Notfall-Defibrillation. Sie hatte keine bekannten Herzprobleme. Kein Arzt hatte ein EKG verlangt.
Was sagt die Praxis?
In spezialisierten Atemwegskliniken, wo Macrolide oft langfristig verordnet werden, wird das EKG fast immer gemacht - 87 % der Ärzte folgen den Leitlinien. In der Hausarztpraxis? Nur 12 %.
Warum? Weil es Zeit kostet. Eine Umfrage unter 247 Hausärzten ergab: 65 % sagen, sie haben keine Zeit. 58 % meinen, es gibt keine klaren Anweisungen für kurze Therapien. 47 % glauben, „gesunde“ Patienten seien in Sicherheit. Aber „gesund“ ist oft ein Trugschluss. Viele haben unbekannte Nierenschwäche, nehmen rezeptfreie Medikamente, die das QT-Intervall beeinflussen, oder haben eine leichte Herzschwäche, die sie nicht bemerken.
Ein weiteres Problem: Viele Ärzte können EKGs nicht richtig lesen. 42 % falsch interpretieren Grenzwerte zwischen 470 und 499 ms. Ein Wert von 485 ms ist kein „fast normal“. Das ist ein Warnsignal.
Was tun, wenn das EKG auffällig ist?
Wenn das QT-Intervall über 450 ms (Männer) oder 470 ms (Frauen) liegt, sollte die Macrolid-Therapie nicht begonnen werden - oder nur mit äußerster Vorsicht. Alternativen wie Amoxicillin oder Doxycyclin sind oft sicherer.
Wenn die Therapie schon läuft und das QT-Intervall plötzlich um mehr als 60 ms verlängert wird - oder wenn es über 500 ms steigt - muss das Antibiotikum sofort abgesetzt werden. In Krankenhäusern ist das Standard. In der Praxis? Nur 37 % der Ärzte haben klare Protokolle dafür.
Einige Kliniken testen jetzt Point-of-Care-Geräte, die das EKG in fünf Minuten auswerten - statt wie früher fünf Tage zu warten. Das reduziert die Verzögerung von 5,2 auf 0,8 Tage. Patienten fühlen sich sicherer. Und Ärzte können schneller handeln.
Was ändert sich in Zukunft?
Die American Heart Association hat im April 2025 eine neue Risikobewertung vorgestellt: ein 9-Punkte-System, das Alter, Geschlecht, Nierenfunktion, Medikamente und Vorerkrankungen kombiniert. Wer mehr als 4 Punkte hat, bekommt ein EKG. Wer weniger hat, kann sicher behandelt werden - ohne unnötige Untersuchungen.
Elektronische Gesundheitsakten wie Epic Systems warnen jetzt automatisch, wenn ein Arzt Azithromycin bei einem Risikopatienten verschreibt. In 43 % der US-Krankenhäuser läuft das bereits. In Deutschland und Österreich ist das noch selten - aber es kommt.
Die Kosten sind kein Argument gegen EKGs. Ein EKG kostet etwa 28,50 Euro. In Großbritannien würden 12 Millionen Macrolid-Rezepte pro Jahr 342 Millionen Euro kosten - wenn alle untersucht würden. Aber die Folgekosten einer Arrhythmie: bis zu 50.000 Euro pro Fall. Und viele Patienten sterben. Die Studien zeigen: Gezielte Überwachung spart Geld und Leben.
Was sollten Sie tun?
Wenn Sie ein Macrolid verschrieben bekommen:
- Frage nach dem Grund: Warum genau dieses Antibiotikum? Gibt es eine sicherere Alternative?
- Prüfen Sie Ihre Risikofaktoren: Sind Sie über 65? Frauen? Nehmen Sie andere Medikamente? Haben Sie Nierenprobleme?
- Verlangen Sie ein EKG, wenn Sie mehr als einen Risikofaktor haben. Das ist kein übertriebener Wunsch - das ist medizinisch sinnvoll.
- Wenn Sie bereits ein EKG haben - lassen Sie es dokumentieren. Geben Sie es Ihrem Arzt. Vielleicht hat es schon jemand gemacht.
Macrolide sind nützlich. Aber sie sind kein „sicheres Standardantibiotikum“. Sie sind ein Medikament mit einem versteckten Risiko - und wie bei jedem Medikament hängt die Sicherheit von der richtigen Anwendung ab.
Brauche ich immer ein EKG, wenn ich Azithromycin bekomme?
Nein, nicht immer. Wenn Sie jung, gesund, ohne Herzprobleme, Nierenschwäche oder andere QT-verlängernde Medikamente sind, ist ein EKG bei einer kurzen Therapie (5-7 Tage) nicht notwendig. Aber wenn Sie über 65 sind, weiblich, oder nehmen andere Medikamente ein - dann ja. Ein EKG ist dann eine einfache, kostengünstige Sicherheitsmaßnahme.
Wie lange dauert es, bis das QT-Intervall sich verlängert?
Die Verlängerung kann schon nach 24-48 Stunden auftreten, besonders bei Erythromycin. Bei Azithromycin dauert es oft 3-5 Tage. Deshalb ist es wichtig, nicht nur vor, sondern auch nach Beginn der Therapie auf Veränderungen zu achten - besonders bei langfristiger Anwendung.
Ist Clarithromycin gefährlicher als Azithromycin?
Ja. Clarithromycin hat ein fast dreifach höheres Risiko, das QT-Intervall zu verlängern, als Azithromycin. Erythromycin ist noch gefährlicher. Bei Risikopatienten sollte Clarithromycin daher nur als letzte Option verwendet werden - und nur mit EKG-Überwachung.
Was passiert, wenn ich das EKG ablehne?
Ihr Arzt kann Ihnen das Antibiotikum trotzdem verschreiben - aber er sollte Ihnen die Risiken erklären. In manchen Fällen, besonders bei mehreren Risikofaktoren, weigern sich Ärzte sogar, das Medikament zu verschreiben, ohne EKG. Sie haben das Recht, ein EKG zu verlangen - und es ist medizinisch sinnvoll, wenn Sie Risikofaktoren haben.
Kann ich das QT-Intervall zu Hause messen?
Ein echtes EKG braucht professionelle Geräte. Einige Smartwatches messen den Puls und zeigen unregelmäßige Rhythmen an - aber sie können das QT-Intervall nicht genau bestimmen. Sie sind kein Ersatz für ein klinisches EKG. Verlassen Sie sich nicht auf Fitnessgeräte für diese Frage.
Kommentare
Thorsten Lux Januar 4, 2026
hab das letzte mal azithromycin genommen und dachte nur: endlich kein penicillin mehr. kein ahnung von qt-intervall. jetzt hab ich angst.