Antihistamin-Überdosis-Rechner
Antihistamin-Überdosis-Rechner
Entscheide, ob die eingenommene Menge gefährlich ist und erfahre, was zu tun ist.
Wenn jemand zu viel Antihistamin einnimmt, kann es schnell lebensgefährlich werden. Das ist kein Szenario aus dem Film - es passiert täglich. In den USA meldet das American Association of Poison Control Centers jährlich über 100.000 Fälle von Antihistamin-Überdosen, fast die Hälfte davon bei Kindern unter sechs Jahren. Die meisten sind unbeabsichtigt: ein Kind greift nach dem Schlafmittel der Eltern, ein Erwachsener nimmt versehentlich eine doppelte Dosis, weil das Etikett unklar ist. Die gute Nachricht: Wenn du die ersten Schritte kennst, kannst du Leben retten. Die schlechte Nachricht: Warten, bis Symptome auftreten, ist zu spät.
Was passiert bei einer Antihistamin-Überdosis?
Antihistamine blockieren Histamin, ein Botenstoff, der bei Allergien freigesetzt wird. Aber sie wirken auch auf andere Rezeptoren im Gehirn und Herzen - besonders die ersten Generationen wie Diphenhydramin (Benadryl), Chlorpheniramin oder Promethazin. Bei Überdosis greifen sie die cholinergen Systeme an: trockener Mund, verschwommene Sicht, schneller Puls, Verwirrtheit, Harnverhalt. Bei schweren Fällen kommt es zu einer Verbreiterung des QRS-Komplexes im EKG - ein Zeichen dafür, dass das Herz nicht mehr richtig leitet. Das kann zu Kammerflimmern oder Herzstillstand führen.
Erwachsene, die mehr als 300 mg Diphenhydramin einnehmen, haben ein hohes Risiko für kardiale Komplikationen. Bei Kindern reichen schon 7,5 mg pro Kilogramm Körpergewicht aus, um eine Notfallvorstellung zu erfordern. Ein 20-kilo-Kind, der 150 mg schluckt, hat eine Überdosis. Die Symptome treten oft innerhalb von 30 Minuten bis zwei Stunden auf. Der kritische Zeitraum: die ersten vier bis sechs Stunden. Danach stabilisiert sich der Zustand meist - wenn keine schwerwiegenden Komplikationen aufgetreten sind.
Was du sofort tun musst
Erstens: Nicht erbrechen lassen. Das ist der häufigste Fehler. Wer bewusstlos oder schläfrig ist, kann sich beim Erbrechen verschlucken. Das ist gefährlicher als die Überdosis selbst. Zweitens: Alles, was noch im Mund ist, vorsichtig entfernen. Drittens: Alle Medikamentenverpackungen sammeln. Die Art des Antihistamins entscheidet über die Behandlung. Ein Diphenhydramin-Überdosis braucht andere Maßnahmen als eine Cetirizin-Überdosis.
Dann: Sofort den Giftinformationsdienst anrufen. In den USA ist das 1-800-222-1222. In Deutschland ist es die Toxikologische Information Zentrale (TIZ) - ruf die 089 / 19240 an. Sag genau: Welches Medikament? Wie viel? Wann eingenommen? Wie alt ist die Person? Gewicht? Hast du die Verpackung? Diese Informationen retten Zeit. Die Experten am Telefon wissen, ob du nach Hause gehen kannst oder ins Krankenhaus musst.
Wenn die Person bewusstlos ist, atmet nicht richtig oder hat krampfartige Zuckungen: Rufe sofort den Notarzt (112). Lege sie in die stabile Seitenlage. Atme nicht in ihren Mund - du kannst dich anstecken. Halte sie warm. Warte auf Hilfe. Keine Hausmittel. Kein Kaffee. Kein kaltes Wasser ins Gesicht. Das hilft nicht - und kann schaden.
Warum erste und zweite Generation so unterschiedlich sind
Nicht alle Antihistamine sind gleich. Die ersten Generationen - Diphenhydramin, Chlorpheniramin, Promethazin - dringen leicht ins Gehirn ein. Sie verursachen starke Sedierung und haben eine hohe Toxizität. Sie blockieren nicht nur Histamin, sondern auch Natriumkanäle im Herzen. Das führt zu QRS-Verbreiterung. Ein QRS über 100 Millisekunden ist ein Warnsignal. Über 120 Millisekunden bedeutet: Notfall im Krankenhaus.
Die zweite Generation - Cetirizin, Loratadin, Fexofenadin - ist „nicht-sedierend“. Sie wirken fast nur an den Allergierezeptoren. Selbst bei Überdosen von 10-facher Dosis verursachen sie meist nur leichte Schwindelgefühle oder einen schnelleren Puls. Selten kommt es zu QT-Verlängerung. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind mit Cetirizin ins Krankenhaus muss, liegt bei 0,2 %. Bei Diphenhydramin sind es 1,8 %. Das ist neunmal mehr. Und in 83 % der schweren Fälle bei Kindern war es Diphenhydramin.
Diphenhydramin ist auch das meistgenutzte Antihistamin in OTC-Produkten - Schlafmittel, Erkältungssirupe, Allergietabletten. Viele wissen nicht, dass sie mehrere Produkte mit dem gleichen Wirkstoff nehmen. Ein Erwachsener nimmt eine Tablette gegen Heuschnupfen, eine gegen Husten und eine als Schlafmittel. Das ergibt 150 mg in 24 Stunden. Zu viel.
Was im Krankenhaus passiert
Wenn du ins Krankenhaus kommst, wird sofort ein EKG gemacht. Wenn der QRS-Komplex breit ist, wird aktiviertes Kohlenstoff verabreicht - wenn die Einnahme innerhalb von zwei Stunden stattgefunden hat. Die Dosis: 50-100 Gramm für Erwachsene, 0,5-1 Gramm pro Kilo für Kinder. Es ist kein Wundermittel, aber es bindet den Wirkstoff im Darm und verhindert weitere Aufnahme.
Bei schwerer Toxizität - schneller Puls, hoher Blutdruck, Verwirrtheit - bekommen Patienten Benzodiazepine wie Diazepam oder Lorazepam. Das beruhigt das Nervensystem. Früher verwendete man Physostigmin, um die anticholinerge Wirkung zu blockieren. Heute wird es nicht mehr empfohlen. Es kann Herzrhythmusstörungen verschlimmern.
Wenn das QRS über 120 ms ist und der Puls über 120 Schläge pro Minute, wird Natriumbikarbonat (NaHCO₃) gegeben. Das korrigiert die Säure-Basen-Störung und verengt den QRS-Komplex. Eine Studie aus dem New England Journal of Medicine aus 2022 zeigte: Mit einer Bolusgabe von 1-2 mEq/kg konnte die QRS-Dauer in weniger als einer Stunde signifikant reduziert werden.
Die Patienten bleiben mindestens 24 Stunden unter Beobachtung. Einige bleiben bis zu 48 Stunden, besonders wenn das EKG abnorm war. Die meisten überleben - 99,9 %, wenn sie rechtzeitig behandelt werden. Aber das ist nur, wenn du nicht wartest, bis es „schlimm“ wird.
Was du zu Hause tun kannst - und was nicht
Wenn der Giftinformationsdienst sagt: „Beobachten zu Hause“ - dann tu es konsequent. Lege die Person hin. Wecke sie alle 30 Minuten. Schau auf: Ist sie wachsam? Atmet sie normal? Hat sie einen schnellen Puls? Ist die Haut trocken? Kann sie urinieren? Wenn sie sich nicht mehr ansprechen lässt, die Lippen blau werden, oder der Puls unregelmäßig wird - ruf sofort den Notarzt.
Wenn das Medikament auf die Haut gekommen ist: 15-20 Minuten unter lauwarmem Wasser abspülen. In die Augen geraten? 20 Minuten mit kühlem Wasser spülen. Nicht reiben. Nicht abtupfen. Spülen. Spülen. Spülen.
Vermeide alle Hausmittel: Aktivkohle aus dem Supermarkt ist nicht die gleiche wie im Krankenhaus. Sie ist nicht dosierbar und kann verschluckt werden. Honig, Milch, Zitrone - alles nutzlos. Einige Reddit-Eltern berichten, sie hätten „viel Wasser getrunken, damit es schneller rauskommt“. Das funktioniert nicht. Antihistamine sind zu 70-95 % an Proteine gebunden. Die Nieren können sie nicht herausfiltern. Du kannst sie nicht „ausschwemmen“.
Wie du eine Überdosis verhinderst
Die meisten Überdosen sind vermeidbar. Kinder unter sechs Jahren haben 32 % aller Fälle verursacht - oft weil Medikamente auf dem Nachttisch, im Badezimmerschrank oder im Handtaschenfach lagen. Stelle alle Medikamente in einen verschließbaren Behälter, hoch oben, außer Reichweite. Nutze kindersichere Verpackungen - auch wenn sie nervig sind. Sie retten Leben.
Verwende immer die mitgelieferte Dosierspritze oder den Messlöffel. Keine Esslöffel aus der Küche. Die meisten Dosierungsfehler kommen von falschen Löffeln. Ein Elternteil in einem Reddit-Thread schrieb: „Ich dachte, der Löffel ist ein Esslöffel. Es waren 15 ml statt 5 ml.“ Das ist dreimal zu viel.
Prüfe immer die Wirkstoffliste. Viele Hustensäfte, Erkältungstabletten und Schlafmittel enthalten Diphenhydramin. Du nimmst ein Produkt gegen Schnupfen, eines gegen Husten, eines gegen Schlafstörungen - und hast plötzlich 100 mg in 12 Stunden. Lese die Etiketten. Schreibe die Wirkstoffe auf. Frag deinen Apotheker.
Die FDA hat im Juni 2023 neue Kennzeichnungsregeln für erste-Generations-Antihistamine erlassen: Größere Schrift, klare Warnhinweise, verbesserte Kinderriegelsicherung. Aber das ändert nichts, wenn du die Packung nicht liest.
Was passiert danach?
Nach der Überdosis braucht der Körper Zeit, sich zu erholen. Die Symptome klingen meist innerhalb von 24-48 Stunden ab. Aber das Gehirn und das Herz brauchen länger. Manche Menschen berichten von Gedächtnislücken, Konzentrationsproblemen oder Schlafstörungen in den Tagen danach. Das ist normal. Gib dir Zeit.
Wenn es ein Kind war: Sprich mit dem Kinderarzt über Medikamentensicherheit. Lass dich beraten, wie du Medikamente im Haushalt sicher aufbewahrst. Wenn es ein Erwachsener war: Frag dich, warum es passiert ist. War es ein Fehler? Ein Versuch, sich zu helfen? Ein Missverständnis? Sprich mit jemandem. Suizidgedanken gehören behandelt - nicht versteckt.
Die Statistik ist klar: 79 % der Fälle sind unbeabsichtigt. Das heißt: Es ist kein Zeichen von Dummheit oder Nachlässigkeit. Es ist ein Systemfehler. Medikamente sind leicht zugänglich, die Etiketten sind kompliziert, die Warnungen sind unsichtbar. Wir müssen besser werden. Du kannst anfangen, indem du heute deine Medikamente wegräumst. Und den Giftinformationsdienst in dein Handy speicherst.
Was mache ich, wenn mein Kind Antihistamin geschluckt hat?
Ruf sofort den Giftinformationsdienst an - in Deutschland die Toxikologische Information Zentrale unter 089 / 19240. Gib an, welches Medikament, wie viel und wie alt das Kind ist. Entferne nichts aus dem Mund, wenn es bewusstlos ist. Lasse es nicht erbrechen. Sammle die Verpackung. Warte auf Anweisungen. Selbst bei kleinen Mengen ist eine Beratung notwendig.
Ist Diphenhydramin wirklich so gefährlich?
Ja. Diphenhydramin ist der häufigste Wirkstoff bei schweren Überdosen - in 83 % der schweren Fälle bei Kindern. Es blockiert Natriumkanäle im Herzen und kann zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen führen. Selbst 150 mg bei einem Kind können eine Notfallbehandlung erfordern. Es ist kein harmloses Schlafmittel - es ist ein starkes Neurotoxin bei Überdosis.
Warum darf man bei Antihistamin-Überdosis nicht erbrechen?
Weil viele Betroffene schläfrig, verwirrt oder bewusstlos sind. Beim Erbrechen kann der Mageninhalt in die Lunge gelangen - das nennt man Aspiration. Das führt zu Lungenentzündung, Atemnot oder Lungenversagen. Das ist oft tödlicher als die Überdosis selbst. Die einzige Ausnahme: Ein Arzt sagt explizit, dass es nötig ist - und das ist extrem selten.
Kann man eine Überdosis mit viel Wasser „ausspülen“?
Nein. Antihistamine sind zu 70-95 % an Blutproteine gebunden und verteilen sich im Fettgewebe. Die Nieren können sie nicht herausfiltern. Viel Wasser trinken ändert nichts an der Konzentration im Körper. Es kann sogar zu Wasserintoxikation führen - besonders bei Kindern. Die einzige wirksame Methode ist aktiviertes Kohlenstoff - und das nur im Krankenhaus oder wenn es sofort nach der Einnahme gegeben wird.
Wie lange muss man im Krankenhaus bleiben?
Mindestens 24 Stunden, wenn es eine kardiale Toxizität gab - also QRS-Verbreiterung oder Herzrhythmusstörungen. Bei leichten Fällen ohne EKG-Abnormitäten kann man nach 4-6 Stunden entlassen werden, wenn keine Symptome mehr auftreten. Die meisten Patienten bleiben 22-24 Stunden. Die Überwachung ist nötig, weil die Symptome sich verschlimmern können, auch wenn sie zuerst leicht waren.
Die erste Stunde zählt. Nicht die nächste. Nicht morgen. Heute. Wenn du weißt, was zu tun ist, kannst du den Unterschied zwischen einer leichten Reaktion und einem tödlichen Ereignis machen. Speichere die Nummer des Giftinformationsdienstes. Räume Medikamente weg. Lies die Etiketten. Das ist keine Überreaktion - das ist Vorsorge.
Kommentare
Håvard Paulsen Januar 10, 2026
Ich hab mal ne Überdosis von Benadryl aus Versehen genommen, war total verschwommen und hatte Herzrasen, aber keine Ahnung dass das so gefährlich sein kann. Wusste nicht dass QRS-Verbreiterung ein Warnsignal ist. Danke für die klare Info, das könnte wirklich Leben retten.