Stellen Sie sich vor, Sie kommen ins Krankenhaus - vielleicht wegen einer Lungenentzündung. Sie haben seit Jahren Bluthochdruck, Diabetes und nehmen zusätzlich ein Schmerzmittel gegen Rückenschmerzen. Doch als Sie das Krankenhaus betreten, wird Ihre Medikationsliste nicht richtig überprüft. Ein Arzt verschreibt ein neues Antibiotikum, das mit Ihrem Blutverdünner interagiert. Eine Pflegekraft gibt Ihnen ein weiteres Schmerzmittel, das Sie bereits zu Hause einnehmen. Am Tag der Entlassung bekommen Sie einen Zettel mit drei neuen Medikamenten - aber keine Erklärung, warum Sie das alte Schmerzmittel plötzlich nicht mehr einnehmen sollen. Sie gehen nach Hause, fühlen sich unwohl und stoppen eines der Medikamente, weil Sie „es nicht brauchen“. Eine Woche später landen Sie wieder im Krankenhaus. Das ist kein Einzelfall. Es passiert täglich, überall - und es ist vermeidbar.
Was ist Medikamentenrekonkiliation?
Medikamentenrekonkiliation ist kein zusätzlicher Verwaltungsaufwand. Sie ist die klare, systematische Überprüfung aller Medikamente, die ein Patient tatsächlich einnimmt, und der Vergleich mit den Medikamenten, die ihm in einer neuen Versorgungssituation verschrieben werden sollen. Das Ziel ist einfach: Keine Medikamente vergessen, keine doppelt geben, keine gefährlichen Wechselwirkungen zulassen.
Die Definition stammt vom Institute for Healthcare Improvement (IHI) , das den Prozess 2005 formalisiert hat: Die Erstellung einer genauen Liste aller Medikamente - einschließlich Rezeptpflichtiger, rezeptfreier Mittel, Kräuter und traditioneller Heilmittel - und deren korrekte Übertragung bei jedem Übergang in der Versorgung.
Die US-amerikanische Gesundheitsbehörde The Joint Commission hat dies 2006 zu einem nationalen Patientensicherheitsziel gemacht: Medikationsfehler, die durch fehlende Rekonkiliation entstehen, sind eine der häufigsten Ursachen für vermeidbare Schäden im Krankenhaus.
Studien zeigen: Bei 50 bis 70 % aller Patientenübergänge - sei es von der Notaufnahme ins Krankenzimmer, von der Klinik nach Hause oder von einem Pflegeheim zurück ins Krankenhaus - passieren Medikationsfehler. Ein Drittel davon führt zu echtem Schaden: Allergien, Nierenversagen, Blutungen, Stürze, sogar Todesfälle.
Wie funktioniert der Prozess? Fünf klare Schritte
Es gibt keinen „einfachen“ Weg. Aber es gibt einen klaren, standardisierten Ablauf. Jeder Schritt ist essenziell.
- Die beste mögliche Medikationsliste erstellen (BPMH): Das ist der Startpunkt. Nicht die Liste, die der Patient sagt. Nicht die Liste, die im Computer steht. Sondern die echte Liste. Dafür interviewt man den Patienten, spricht mit Angehörigen, ruft die lokale Apotheke an, prüft die Hausarztunterlagen und sucht nach alten Rezepten. In Deutschland ist das oft schwierig, weil die elektronischen Systeme nicht miteinander sprechen. Doch nur mit mindestens zwei unabhängigen Quellen - etwa Patient + Apotheke - wird die Liste zuverlässig. Studien zeigen: Nur mit der Aussage des Patienten enthalten 42 % der Listen Fehler.
- Die geplanten Medikamente aufschreiben: Was wird jetzt verschrieben? Welche Medikamente braucht der Patient in dieser neuen Phase? Das kann ein neues Antibiotikum, eine andere Dosis oder ein komplett anderes Medikament sein. Diese Liste wird separat erstellt.
- Vergleichen - und Fehler finden: Jetzt wird Seite an Seite geprüft. Was fehlt? Was ist doppelt? Ist die Dosis zu hoch? Gibt es gefährliche Kombinationen? Ein Medikament, das gegen Depressionen hilft, kann bei einem Patienten mit Herzproblemen tödlich sein. Ein Schmerzmittel, das man über Monate genommen hat, kann bei einer Nierenerkrankung kontraindiziert sein. Computer-Systeme helfen, aber sie erkennen nur 15-25 % der potenziellen Risiken. Der Mensch muss prüfen.
- Klinische Entscheidungen treffen: Nicht jeder Unterschied ist ein Fehler. Manchmal wurde ein Medikament absichtlich abgesetzt, weil es nicht mehr nötig ist. Manchmal wurde eine Dosis angepasst. Hier entscheidet der behandelnde Arzt oder Apotheker: Was bleibt? Was wird geändert? Warum? Diese Entscheidung muss dokumentiert werden - mit Begründung, nicht nur mit einem Haken.
- Neue Liste kommunizieren: Das ist der letzte, aber vielleicht wichtigste Schritt. Die aktualisierte Liste muss an alle Beteiligten gehen: an die Entlassungspapiere, an den Hausarzt, an die Apotheke, an die Pflegekräfte und - ganz entscheidend - an den Patienten. In einfachen Worten. Mit Erklärung. Und nicht nur als PDF im System.
Warum sind Apotheker der Schlüssel?
Ein Arzt hat 15 Minuten pro Patient. Eine Pflegekraft hat 30 Patienten am Tag. Wer hat die Zeit, die Liste von 15 Medikamenten zu prüfen, Wechselwirkungen zu berechnen und den Patienten zu fragen: „Welches davon nehmen Sie wirklich, und warum?“
Apotheker sind die Medikamentenspezialisten. Die American Society of Health-System Pharmacists (ASHP) sagt klar: „Apotheker sind unverzichtbar für die sichere Nutzung von Medikamenten bei Übergängen.“
Studien belegen es: Wenn Apotheker die Rekonkiliation leiten, sinken Medikationsfehler um 47 % im Vergleich zu Pflegekräften allein. In Kliniken, die Apotheker in den Prozess integriert haben, sanken Wiederaufnahmen innerhalb von 30 Tagen um bis zu 18 %. In Rochester hat ein Apotheker-Team jährlich über 1.200 schwere Medikationsfehler verhindert.
Das Problem? In vielen deutschen Krankenhäusern ist das nicht Standard. Apotheker sind oft nur im Depot tätig, nicht am Patientenbett. Sie werden nicht in den Entlassungsprozess eingebunden. Und das ist ein Sicherheitsrisiko.
Wo scheitert es in der Praxis?
Es ist nicht nur ein Problem der Technik. Es ist ein Problem der Abläufe, der Zeit und der Kommunikation.
- Fragmentierte Systeme: Die elektronischen Patientenakten sprechen nicht miteinander. Die Klinik hat ihre Daten, der Hausarzt seine, die Apotheke ihre. Die Patientenakten sind nicht interoperabel. Ein Studie aus 2023 zeigt: 76 % der deutschen Krankenhäuser leiden unter diesen Systembrüchen.
- Zeitdruck: Ein Pflegeteam hat 15 Minuten für die Rekonkiliation bei der Aufnahme. Das ist zu wenig. Eine Studie der American Nurses Association fand heraus: 41 % der Pflegekräfte geben zu, sie „manchmal oder oft“ mit unvollständigen Listen arbeiten, weil sie keine Zeit haben, alles zu prüfen.
- Unwissenheit der Patienten: Viele ältere Menschen können nicht mehr sagen, welche Medikamente sie nehmen. „Ich nehme die roten Pillen morgens und die weißen abends.“ Aber welcher Name? Welche Dosis? Was ist das eigentlich? 50 % der älteren Patienten können das nicht genau sagen. Deshalb ist die Patientenbefragung allein nicht ausreichend.
- Unvollständige Entlassungsdokumentation: Nur 43 % der Entlassungsunterlagen in Deutschland enthalten eine vollständige, aktuelle Medikationsliste. Was passiert, wenn der Hausarzt die Liste nicht hat? Dann wird neu verschrieben - oft mit Fehlern.
Was hilft wirklich?
Es gibt keine Wunderlösung. Aber es gibt bewährte Ansätze.
- Patienten-Medikations-Tagebücher: Einfache, ausgedruckte Listen, die der Patient mitführt. Werden sie systematisch verwendet? Nur 33 % der Krankenhäuser in Deutschland tun das. Doch Studien zeigen: Mit diesen Tagebüchern steigt die Genauigkeit der Rekonkiliation um 27 %.
- Dedizierte Rekonkiliations-Techniker: Johns Hopkins hat in ihrem Krankenhaus speziell ausgebildete Mitarbeiter eingesetzt, die nur für diese Aufgabe zuständig sind. Ergebnis: 72 % weniger Medikationsabweichungen in 18 Monaten.
- Standardisierte Workflows: Kein Chaos. Kein „wie wir es eben machen“. Sondern: Jeder Patient bekommt dieselbe Ablaufstruktur - von der Aufnahme bis zur Entlassung. Mit Checklisten, mit klaren Verantwortlichkeiten, mit Zeiten, die eingehalten werden.
- Integration mit Apotheken: Die meisten deutschen Apotheken sind mit dem Surescripts-System verbunden - aber nur 82 % der Daten sind vollständig. Bessere Verbindungen zwischen Klinik und Apotheke würden viele Fehler verhindern.
Was ändert sich 2026?
Die gesetzliche Lage in Deutschland ist nicht so klar wie in den USA. Aber die Tendenzen sind unverkennbar.
Die USCDI Version 4 , die seit Januar 2023 gilt, definiert nun standardisierte Datenfelder für Medikamentenrekonkiliation - auch für Deutschland. Das bedeutet: Künftig müssen elektronische Systeme diese Informationen austauschen können.
Die Joint Commission hat 2023 ihre Anforderungen erweitert: Nicht nur rezeptpflichtige und rezeptfreie Medikamente müssen erfasst werden - sondern auch Kräuter, Nahrungsergänzungsmittel und traditionelle Heilmethoden. Denn 52 % der Patienten in Deutschland nutzen solche Mittel - oft ohne es dem Arzt zu sagen.
Und die Finanzierung? In den USA zahlt Medicare für erfolgreiche Rekonkiliation. In Deutschland ist das noch nicht der Fall. Doch die Krankenkassen beginnen, die Wiederaufnahmerate als Qualitätsindikator zu betrachten. Wer weniger Wiederaufnahmen hat, zahlt weniger Strafen. Und das wird langfristig dazu führen, dass Kliniken in Rekonkiliation investieren - nicht weil sie es „sollten“, sondern weil es sich rechnet.
Was können Sie als Patient tun?
Sie sind nicht nur Passiv-Teilnehmer. Sie sind der wichtigste Teil des Prozesses.
- Halten Sie eine aktuelle Liste Ihrer Medikamente: Namen, Dosen, Warum? Schreiben Sie es auf. Aktualisieren Sie es nach jeder Änderung.
- Bringen Sie die Liste mit - immer: Bei jeder Untersuchung, jeder Aufnahme, jeder Entlassung. Nicht nur „ich nehme meine Pillen“.
- Fragen Sie: „Warum wird das geändert?“ Wenn Ihnen ein Medikament abgesetzt wird, fragen Sie: „Was passiert, wenn ich es weiternehme?“
- Verlangen Sie eine schriftliche Liste bei Entlassung: Nicht nur ein Zettel. Sondern eine klare, verständliche Liste mit allen neuen Medikamenten, Änderungen und Gründen.
Medikamentenrekonkiliation ist kein bürokratischer Aufwand. Sie ist eine Lebensfrage. Jeder Fehler kann tödlich sein. Jede korrekte Übertragung kann ein Leben retten. Und sie beginnt nicht im Krankenhaus. Sie beginnt bei Ihnen - mit einer einfachen Liste, die Sie mitbringen.
Was ist der Unterschied zwischen Medikamentenrekonkiliation und einer Medikationsprüfung?
Eine Medikationsprüfung ist eine allgemeine Bewertung - zum Beispiel bei einer jährlichen Untersuchung. Sie fragt: „Funktioniert Ihr Medikament? Brauchen Sie eine Anpassung?“ Die Medikamentenrekonkiliation hingegen ist eine spezifische, strukturierte Prüfung, die nur bei Übergängen in der Versorgung stattfindet - also bei Aufnahme, Entlassung, Transfer. Sie geht nicht darum, ob ein Medikament sinnvoll ist, sondern ob es richtig übertragen wird.
Warum werden rezeptfreie Medikamente und Kräuter bei der Rekonkiliation berücksichtigt?
Weil sie gefährlich sein können. Ein Kräutertee mit Johanniskraut kann die Wirkung von Blutverdünner aufheben. Ein rezeptfreies Schmerzmittel mit Ibuprofen kann bei Nierenproblemen zu Versagen führen. 52 % der Patienten nehmen solche Mittel - oft ohne es zu erwähnen. Wenn diese nicht erfasst werden, entstehen tödliche Wechselwirkungen. Deshalb sind sie Teil der Rekonkiliation - nicht als „Zusatz“, sondern als Kern.
Kann ich die Rekonkiliation verlangen?
Ja. Jeder Patient hat das Recht, dass seine Medikationsliste vor jeder Aufnahme, jedem Transfer und jeder Entlassung überprüft wird. Wenn Sie das nicht sehen, fragen Sie nach: „Wurde meine Medikationsliste rekonkiliert?“ Wenn die Antwort „Nein“ oder „Wir machen das nicht immer“ lautet, fordern Sie eine Erklärung. Sie haben das Recht auf eine sichere Versorgung.
Warum ist die Rekonkiliation bei Entlassung so wichtig?
Weil die meisten Medikationsfehler nach der Entlassung passieren. 28 % der Patienten stoppen oder verändern ihre Medikamente innerhalb der ersten Woche nach Hause - weil sie nicht verstehen, was geändert wurde. Die Entlassungsliste ist die letzte Chance, die Patienten richtig zu informieren. Wenn sie unvollständig ist, ist die Gefahr für Schäden am höchsten.
Welche Rolle spielen elektronische Systeme?
Sie unterstützen, aber ersetzen nicht den Menschen. Systeme wie Epic oder Surescripts können Daten sammeln, aber sie erkennen keine klinischen Nuancen. Ein Patient, der ein Medikament nicht mehr einnimmt, weil er es für unwirksam hält, wird vom Computer oft als „Fehler“ erkannt - obwohl es eine sinnvolle Entscheidung war. Die Technik hilft, die Rekonkiliation schneller zu machen. Aber nur der klinische Blick kann sie richtig machen.