Ein Arzt schreibt «MS 10 mg SC» auf ein Rezept. Die Apothekerin liest es als «MgSO₄» - Magnesiumsulfat - und nicht als Morphin. Ein Patient erhält eine tödliche Dosis. Dieser Fehler ist kein Einzelfall. Er passiert täglich - und er wäre vermeidbar. Die Ursache? Gefährliche Abkürzungen auf ärztlichen Verschreibungen. Diese Abkürzungen sind nicht nur unprofessionell, sie sind lebensgefährlich. Und sie werden immer noch zu oft verwendet.
Die tödlichste Abkürzung: QD
«QD» steht für «once daily» - einmal täglich. Klingt unschuldig. Doch in der Praxis wird es oft als «QID» (viermal täglich) missverstanden. Ein Patient mit Bluthochdruck erhält ein Medikament, das eigentlich einmal täglich eingenommen werden soll. Stattdessen nimmt er es viermal am Tag. Der Blutdruck sinkt kritisch. Der Patient kommt ins Krankenhaus. Eine Studie des ISMP aus dem Jahr 2018 analysierte über 4.700 Medikationsfehler - und «QD» war in 43,1 % der Fälle die Ursache. Das ist mehr als jede vierte Verwechslung. Kein Wunder, dass die Joint Commission «QD» schon 2001 offiziell verboten hat. Stattdessen muss man immer «einmal täglich» oder «daily» schreiben. Keine Abkürzung. Kein Spielraum für Missverständnisse.U - die Abkürzung, die wie eine Null aussieht
«U» steht für «Unit» - Einheit. Ein einfacher Begriff. Doch wenn ein Arzt «U» mit der Hand schreibt, sieht es aus wie eine «0» oder eine «4». Ein Diabetiker erhält «10U» Insulin. Die Krankenschwester liest «100» - und verabreicht zehnmal so viel wie nötig. Der Patient gerät in eine lebensbedrohliche Unterzuckerung. «U» ist eine der am häufigsten missverstandenen Abkürzungen weltweit. Die ISMP hat sie 2001 auf die «Do Not Use»-Liste gesetzt. Und doch: Ein Survey von 1.843 Apothekern aus dem Jahr 2022 ergab, dass 28,7 % von ihnen mindestens einmal im Jahr einen Fehler wegen «U» abgefangen haben. Die Lösung? Schreiben Sie «Einheit» aus. Oder besser noch: Geben Sie die Einheit direkt an - «10 Einheiten Insulin». Kein Platz für Verwechslung.MS - Morphin oder Magnesium? Ein tödliches Spiel
«MS» oder «MSO₄» - das klingt nach Morphin. Doch «MgSO₄» ist Magnesiumsulfat. Beide Medikamente sind stark - aber völlig unterschiedlich. Morphin lindert Schmerzen. Magnesiumsulfat wird bei Präeklampsie oder Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Werden sie verwechselt, kann es zum Tod kommen. Die NCBI StatPearls Studie aus dem Jahr 2018 nennt «MS» als die häufigste Medikamenten-Abkürzungsfehlerquelle in der Klinik. Ein Fall aus dem Jahr 2022 auf Reddit beschreibt, wie eine Apothekerin genau diesen Fehler abgefangen hat: «MS 10 mg SC» - sie hat nachgefragt. Der Arzt meinte Morphin. Die Patientin wäre fast gestorben. Die Lösung? Schreiben Sie «Morphin» oder «Magnesiumsulfat» vollständig. Keine Abkürzungen. Keine Ausnahmen.
SC und SQ - Subkutan oder „5 alle“?
«SC» steht für «subcutaneous» - subkutan, also unter die Haut. «SQ» ist eine andere Schreibweise dafür. Doch in schlechter Handschrift sieht «SQ» aus wie «5 every» - «5 alle». Ein Patient erhält ein Antibiotikum, das eigentlich subkutan verabreicht werden soll. Stattdessen liest die Pflegekraft «5 alle» - und gibt fünf Tabletten pro Tag. Die Dosis ist falsch. Die Infektion bleibt bestehen. Die ISMP dokumentierte diesen Fehler bereits 2015. Die Lösung? Schreiben Sie «subkutan» oder «unter die Haut». Verwenden Sie niemals «SC» oder «SQ». Und vergessen Sie nicht: «IM» (intramuskulär) ist auch gefährlich - es wird oft mit «IV» (intravenös) verwechselt. Schreiben Sie es aus.Andere gefährliche Abkürzungen, die Sie sofort streichen müssen
- BIW - «twice weekly»: Wird oft als «twice daily» missverstanden. Ein Patient mit Krebs bekam Chlorambucil - eigentlich zweimal pro Woche. Stattdessen wurde es täglich verabreicht. Die Nebenwirkungen waren tödlich.
- QOD - «every other day»: Wird mit «QD» oder «QID» verwechselt. Ein Patient mit Herzinsuffizienz bekam ein Diuretikum, das alle zwei Tage gegeben werden sollte. Stattdessen wurde es täglich verabreicht. Er entwickelte einen Elektrolytverlust.
- NMT - «nebulizer mist treatment»: Wurde als «no more than» missverstanden. Ein Patient mit Lungenkrankheit bekam Hypertonisches Salz - aber in der falschen Dosis.
- DTO - «diluted tincture of opium»: Wurde mit Morphin verwechselt. Ein Kind bekam eine Opiumtinktur - statt eines milden Schmerzmittels.
- TAC - «triamcinolone»: Wurde mit «Tazorac» verwechselt. Ein Patient mit Ekzem bekam eine Akne-Creme - und seine Haut verschlechterte sich.
- cc - «cubic centimeter»: Wird mit «U» (Einheit) verwechselt. Eine Dosis von 5 cc wird als 5 Einheiten interpretiert - und umgekehrt.
- IU - «international unit»: Wird mit «IV» (intravenös) oder «10» verwechselt. Ein Patient bekam 10 IU Vitamin D - und die Pflegekraft gab 10 ml intravenös.
Alle diese Abkürzungen sind auf der offiziellen «Do Not Use»-Liste der Joint Commission und der ISMP. Sie sind nicht nur verboten - sie sind verantwortlich für Tausende von vermeidbaren Fehlern jedes Jahr.
Warum tun Ärzte das trotzdem?
Es ist nicht Dummheit. Es ist Gewohnheit. Viele Ärzte, besonders über 50, haben jahrzehntelang mit diesen Abkürzungen gearbeitet. Sie sind in ihrer Ausbildung so gelernt worden. Sie finden es schneller. Sie finden es „normal“. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Eine Umfrage der American Medical Association aus dem Jahr 2022 ergab: 43,7 % der Ärzte über 50 verwenden immer noch verbotene Abkürzungen. Unter 40-Jährigen sind es nur 18,2 %. Die Kluft ist groß. Und sie ist gefährlich.Ein weiteres Problem: Elektronische Rezeptsysteme (EHR) helfen - aber nicht genug. Eine Studie aus dem Jahr 2021 zeigte, dass EHRs Abbreviations-Fehler um 68,3 % reduzieren. Doch immer noch 12,7 % der Fehler passieren in digitalen Systemen - weil Ärzte in freien Textfeldern «QD» oder «U» eingeben. Die Systeme erkennen es nicht immer. Und wenn sie es tun, blockieren sie nicht immer - nur wenn die Klinik es streng einfordert.
Wie man es richtig macht: Der Weg zu sichereren Rezepten
Ein Krankenhaus in Mayo Clinic hat es vorgemacht. Sie haben drei Dinge getan:- Hard stops im EHR: Wenn ein Arzt «QD» eintippt, erscheint ein Warnfenster. Er kann nicht weitermachen, bis er «einmal täglich» schreibt.
- Pflichtschulung: Alle Ärzte, Pfleger, Apotheker - alle mussten 90 Minuten lang lernen, warum diese Abkürzungen tödlich sind. Mit echten Fallbeispielen.
- Feedback: Wenn ein Fehler abgefangen wird, bekommt der Arzt eine anonyme Nachricht: «Ihr Rezept wurde korrigiert. Bitte verwenden Sie keine Abkürzungen.»
Innerhalb von 18 Monaten sanken Abbreviations-Fehler um 92,3 %. Das ist kein Zufall. Das ist System.
Ein anderes Beispiel: Ein ambulanter Arzt in Pennsylvania hat einfach aufgehört, «U» zu schreiben. Er hat stattdessen «Einheit» geschrieben. Seine Patienten bekamen weniger Nebenwirkungen. Die Apotheken meldeten weniger Rückfragen. Sein Arbeitsaufwand sank - weil er nicht mehr ständig anrufen musste, um zu klären, was er gemeint hatte.
Was passiert, wenn man es nicht ändert?
Die Kosten sind nicht nur menschlich - sie sind finanziell. Die Agency for Healthcare Research and Quality schätzt, dass die vollständige Abschaffung dieser Abkürzungen in den USA jährlich 1,27 Milliarden Dollar an Kosten für Medikationsfehler vermeidet. Das sind Krankenhausaufenthalte, Intensivbehandlungen, Klagen, verlorene Arbeitszeit.Und die Regulierer kommen. Die Centers for Medicare & Medicaid Services (CMS) reduzieren seit 2019 die Vergütung von Krankenhäusern um bis zu 1 %, wenn sie zu viele Abbreviations-Fehler haben. Die Joint Commission zieht bei Prüfungen Zitate, wenn ein Krankenhaus die «Do Not Use»-Liste nicht umsetzt. Kein Krankenhaus will das. Kein Arzt sollte das riskieren.
Was Sie jetzt tun können
Sie sind Arzt? Dann schreiben Sie ab heute: keine Abkürzungen mehr. Nicht «QD». Nicht «U». Nicht «MS». Nicht «SC». Schreiben Sie alles aus. Es dauert zwei Sekunden länger. Aber es rettet Leben.Sie sind Apotheker oder Pfleger? Wenn Sie eine verdächtige Abkürzung sehen - fragen Sie nach. Nicht mit Misstrauen. Mit Professionalität. Sagen Sie: «Ich möchte sicherstellen, dass ich das richtig verstehe. Könnten Sie bitte ‘einmal täglich’ schreiben?»
Das ist kein Luxus. Das ist Standard. Die Technik gibt es. Die Regeln gibt es. Die Daten gibt es. Was fehlt, ist nur eine Entscheidung: Jeder Arzt, jede Klinik, jede Apotheke - sie müssen sich entscheiden. Entweder für Schnelligkeit. Oder für Sicherheit.
Die Wahl ist einfach.
Warum ist die Abkürzung „QD“ so gefährlich?
„QD“ steht für „once daily“ - einmal täglich. Aber in schlechter Handschrift oder bei schnellem Schreiben sieht es aus wie „QID“ (viermal täglich). Ein Patient, der ein Medikament nur einmal am Tag nehmen soll, nimmt es viermal - mit tödlichen Folgen. Eine ISMP-Studie aus 2018 zeigte, dass „QD“ in 43,1 % aller Abbreviations-Fehler die Ursache war - das ist die häufigste Fehlerquelle überhaupt.
Was ist der Unterschied zwischen „MS“ und „MgSO₄“?
„MS“ ist die Abkürzung für Morphinsulfat - ein starkes Schmerzmittel. „MgSO₄“ ist Magnesiumsulfat - ein Medikament gegen Krampfanfälle oder Bluthochdruck in der Schwangerschaft. Beide sehen sich ähnlich - und werden oft verwechselt. Morphin kann bei Überdosis zum Atemstillstand führen. Magnesiumsulfat kann bei falscher Dosis Herzrhythmusstörungen auslösen. Die Verwechslung ist lebensgefährlich - und eine der häufigsten Todesursachen durch Medikationsfehler.
Warum ist „U“ für „Unit“ verboten?
„U“ sieht in der Handschrift oft wie eine „0“ (Null), eine „4“ oder sogar wie „cc“ (Kubikzentimeter) aus. Ein Patient, der „10U“ Insulin bekommen soll, erhält „100U“ - zehnmal mehr. Das führt zu einer lebensbedrohlichen Unterzuckerung. Die ISMP hat „U“ offiziell verboten, weil die Verwechslungsrate zu hoch ist. Stattdessen muss man „Einheit“ oder die genaue Dosis schreiben - zum Beispiel „10 Einheiten Insulin“.
Helfen elektronische Rezeptsysteme wirklich?
Ja - aber nicht vollständig. Studien zeigen, dass EHR-Systeme Abbreviations-Fehler um 68,3 % reduzieren. Doch wenn Ärzte in freien Textfeldern „QD“ oder „U“ eingeben, erkennen die Systeme es oft nicht. Selbst wenn sie es erkennen, blockieren sie nicht immer - es sei denn, die Klinik hat strenge Regeln und „Hard Stops“ eingerichtet. Nur mit technischen Blockaden und Schulungen sinken die Fehler um bis zu 89 %.
Was passiert, wenn ein Arzt trotz Verbot Abkürzungen verwendet?
Wenn ein Arzt verbotene Abkürzungen verwendet, passiert zunächst nichts - wenn niemand nachfragt. Aber wenn ein Fehler passiert, ist er haftbar. Krankenhäuser, die die Joint Commission-Regeln nicht umsetzen, riskieren ihre Zulassung. Apotheker, die fehlerhafte Rezepte ausgeben, können strafrechtlich belangt werden. Und wenn ein Patient stirbt, weil ein Arzt „MS“ statt „Morphin“ schrieb, kann das zu einer medizinischen Prozess führen - mit hohen Schadensersatzforderungen.
Gibt es Ausnahmen - zum Beispiel bei Notfällen?
Nein. Es gibt keine Ausnahmen. Auch im Notfall muss man klar und vollständig schreiben. In Notfällen ist es noch wichtiger, Missverständnisse zu vermeiden. Wenn ein Arzt unter Stress „QD“ schreibt, kann das zu einem Fehler führen, der den Patienten tötet. Deshalb haben viele Kliniken in Notfallbereichen spezielle Vorlagen - mit vorausgefüllten Dosen und klaren Anweisungen. Keine Abkürzungen - auch nicht im Stress.